Olympia 1936 – Deutsches Rundfunkarchiv veröffentlicht unbekannte Original-Radioreportagen und Bilder

Die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und insbesondere die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin zählen zu den großen Medienereignissen des 20. Jahrhunderts. In bis dahin unbekanntem Ausmaß bemühte sich die NS-Diktatur um die mediale Inszenierung und Verbreitung der olympischen Ereignisse. Von zentraler Bedeutung war hierbei der zum Massenmedium gereifte Rundfunk, der im propagandistischen Konzept der NS-Führung von jeher eine hervorgehobene Stellung eingenommen hatte. Das durch perfekte Organisation und Gastfreundschaft suggerierte Bild eines friedfertigen und leistungsfähigen nationalsozialistischen Deutschlands sollte durch die weltweite Übertragung der Olympischen Spiele möglichst weitläufig transportiert werden und so den Ruf des nationalsozialistischen Regimes verbessern. In der Realität wurde dieses Bild durch eine unvermindert aggressive Außenpolitik Hitlers (Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland am 7. März 1936, kurz nach Ende der Winterspiele) und teilweise sogar verschärfte Repressionen gegen politische Gegner und ethnische Minderheiten im Vorfeld und auch während der Olympiade konterkariert – selbst mit dem Bau eines Konzentrationslagers, des KZ Sachsenhausen, wurde im unmittelbaren Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Berlin begonnen.

Die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv hat in einem umfangreichen Internetangebot teilweise unbekannte Radioreportagen und Bilder zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und Garmisch-Partenkirchen veröffentlicht (http://1936.dra.de). Dabei bekommt der Besucher nicht nur einen Eindruck von den sportlichen Ereignissen der erstmals weltweit im Rundfunk übertragenen Olympischen Spiele, sondern auch von der propagandistischen Instrumentalisierung der Wettkämpfe durch das NS-Regime.

Anlass für die Erstellung des Angebots mit dem Titel „Die Olympischen Spiele 1936 im NS-Rundfunk – Eine rundfunkhistorische Dokumentation“ ist der bevorstehende 75. Jahrestag der Olympischen Sommerspiele am 1. August 2011. Neben zahlreichen Bildern und Tönen, die größtenteils aus dem Bestand der ehemaligen „Reichs-Rundfunk-Gesellschaft“ stammen, werden eine Vielzahl weiterer Informationen zur Rolle und Arbeit des Rundfunks während der Olympischen Spiele 1936 vorgestellt:

  • ausführliche Artikel erläutern die immensen organisatorischen, personellen und technischen Aufwände des NS-Rundfunks;
  • Besonders der Bildbestand eröffnet eine interessante, wenig bekannte Perspektive, da er nicht die olympischen Wettkämpfe und Sportler dokumentiert, sondern die Arbeit des Rundfunkpersonals: Reporter bei der Live-Berichterstattung oder bei Interviews mit Olympioniken, Rundfunktechniker bei der Schallplattenaufzeichnung, Grafiken der Mikrofonstandorte an den Sportstätten und vieles mehr;
  • Bei den Tondokumenten handelt es sich in erster Linie um Rundfunkreportagen von den olympischen Wettkämpfen. Eine Vielzahl der Aufnahmen werden erstmals veröffentlicht, dies gilt vor allem für die Berichte von den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen, siehe Hörzitate (http://1936.dra.de/index.php?id=17) bzw. Wettkampfreportagen Winterspiele (http://1936.dra.de/index.php?id=118) und Sommerspiele (http://1936.dra.de/index.php?id=119). Erläuterungen zu den Live-Reportagen und zu Tondokumenten aus dem Rahmenprogramm der Olympischen Spiele (z.B. Fackel-Staffellauf) geben interessante Hintergrundinformationen;
  • eine Übersicht aller nachweislich gemeldeten Rundfunkreporter, teils ergänzt durch Kurzbiografien, dokumentiert den Umfang der internationalen Berichterstattung;
  • weitere Artikel beleuchten verschiedene Facetten der Olympischen Spiele von 1936 aus rundfunkspezifischer Perspektive.

Mit dem Internet-Angebot „Die Olympischen Spiele 1936 im NS-Rundfunk“ bietet das DRA der interessierten Öffentlichkeit, Kultur, aber auch Wissenschaft und Forschung einen multimedialen Einblick zu einem größtenteils noch unerforschten Aspekt der Olympischen Spiele von 1936.

Kontakt:
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Geschichte des österreichischen Lagers Glasenbach aufgearbeitet

„Das Buch über das ‘Lager Glasenbach‘ ist ein weiterer Baustein in der Aufarbeitung der Geschichte. Es schließt eine Lücke in der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung der NS-Zeit.“ Das betonte Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstaller heute, Dienstag, 14. Juli 2009, bei einem Informationsgespräch mit der Ersten Präsidentin des Oberösterreichischen Landtages, Angela Orthner, anlässlich der Präsentation des Buches „Camp Marcus W. Orr Glasenbach als Internierungslager nach 1945“ von Dr. Oskar Dohle und Mag. Peter Eigelsberger im Salzburger Landesarchiv. Landeshauptfrau Burgstaller formulierte ein klares Bekenntnis zur Aufarbeitung der Geschichte. Dies sei auch Antrieb des gemeinsamen Projekts des Salzburger und des Oberösterreichischen Landesarchivs gewesen. „Der zentrale Punkt ist die Öffentlichkeit und die Aufarbeitung der Geschehnisse“, so Burgstaller. Bis in die späten 1980er Jahre habe es in Österreich keine tiefgreifende öffentliche Auseinandersetzung über die Zeit des Nationalsozialismus gegeben, diese sei bedauerlicher Weise erst spät in Gang gekommen. Das sei mit ein Grund, warum Forschungsvorhaben wie etwa das vorliegende Buchprojekt erst im 21. Jahrhundert vorgelegt werden. „Es ist aber nicht zu spät, zu fragen, zu forschen und zu erinnern“, betonte Landeshauptfrau Burgstaller.

„Die Geschichte ist nicht teilbar und kann vor allem nicht verstanden werden, wenn man sie nicht als Ganzes annimmt. Die Jahre von 1938 bis 1945 stehen für einen Zeitraum, in dem unser Land schwerer geprüft wurde als jemals zuvor in seiner Geschichte. Auf den 12. März 1938 folgten Jahre des NS-Terrors und ab September 1939 des Krieges“, sagte Oberösterreichs Landtagspräsidentin Angela Orthner. „Diese Jahre stehen für die beispiellosen Verbrechen des Nationalsozialismus und für den blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte. Oberösterreicher waren Opfer, Oberösterreicher waren Täter, Oberösterreich war Tatort. Uns ist bewusst, dass auch Oberösterreicher Teil der NS-Verbrechensmaschinerie waren, zu Mittätern wurden und Schuld auf sich geladen haben.“ Diese Schuld nehme uns Lebenden noch heute in Haftung.

„Das Leid, das der Nationalsozialismus über dieses Land gebracht hat, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Dennoch müssen Zahlen an dieser Stelle genannt werden, um die Dimension der Verbrechen zu verdeutlichen“, betonte Orthner. 200.000 Menschen wurden im Konzentrationslager Mauthausen und in seinen Nebenlagern gequält, mehr als die Hälfte davon ermordet. 30.000 weiteren Menschen wurde der Wert ihres Lebens abgesprochen, sie wurden in Hartheim ermordet. 40.000 Oberösterreicher fielen in Hitlers Angriffskrieg. Mehr als 3.000 am Krieg völlig unbeteiligte Zivilpersonen starben bei Bombenangriffen.

„Oberösterreich ist ein Land, das die dunkelsten Kapitel seiner Geschichte annimmt, wie sie wirklich waren. Wir bekennen uns zu unserer Verantwortung vor der Geschichte“, so Präsidentin Orthner. „Es gehört zu den vordringlichsten Aufgaben in unserem Land, das Wissen darüber zu vermitteln und das Bewusstsein für das ganze Ausmaß der geschichtlichen Last wach zu halten. Insbesondere müssen wir daran erinnern, dass hinter den Verbrechen der damaligen Zeit ein Ungeist stand; ein Ungeist, der die Verhöhnung und Zerstörung aller sichtlichen Normen vorsah, der systematisch Unmenschlichkeit nicht nur zuließ, sondern sogar förderte, ein Ungeist, der so allgegenwärtig war, wie die Diktatur totalitär. Das dürfen und wollen wir niemals vergessen.“ Landtagspräsidentin Orthner formulierte folgende Aufträge:

  • Kein schlampiger Umgang mit der Geschichte. Auch deren dunkelste Kapitel müssen in unser aller Bewusstsein bleiben, aufgeschlagen und aufgearbeitet werden.
  • Auch in einer Demokratie ist Politik Menschenwerk und damit nie fehlerlos. Dennoch darf es trotz aller Probleme und Unzulänglichkeiten keine Alternative zur Demokratie geben. Wir haben unmissverständlich zu ihr zu stehen.
  • Der politische Dialog darf nie abbrechen. Politik braucht Kultur, eine Kultur des Dialogs und eines vernünftigen Miteinanders trotz des notwendigen politischen Wettbewerbs. Politik braucht Anstand, auch in Zeiten harter politischer Auseinandersetzung.
  • Wir müssen alles tun, damit wir jene ökonomischen Fehlentwicklungen verhindern, die in den 1920er und 1930er Jahren den Aufstieg von Radikalen möglich machten. Die Massenarbeitslosigkeit dieser Zeit war ein fruchtbarer Nährboden für den Nationalsozialismus. Eine Politik, die Radikalen keine Chance geben will, darf sich daher nie mit Arbeitslosigkeit abfinden.
  • Wir dürfen nie wieder ein Regime zulassen, dessen Programm Hass, Intoleranz und Herrenmenschen-Wahn waren. Für den Nationalsozialismus zählte nur der Starke. Wir müssen dem eine Gesellschaft entgegensetzen, die alles tut, dass auch die Schwachen ihre Würde nie verlieren. Nie wieder darf zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden werden.
  • Wir müssen das Vereinte Europa weiterbauen, das dem ganzen Kontinent Frieden, Freiheit, politische Stabilität und starke Demokratie garantiert – ein Europa, in dem die Menschenrechte zum selbstverständlichen Teil der Verfassung gehören, in dem Fremdenhass und Rassismus keinen Platz haben und in dem nie mehr Menschen ihre Würde abgesprochen wird, weil sie anderen Religionen, Weltanschauungen oder Gesinnungsgemeinschaften angehören.

Das Land Oberösterreich habe in den vergangenen Jahren intensiv an der Aufarbeitung seiner jüngeren Geschichte gearbeitet und dabei auch die dunklen Kapitel der Vergangenheit nicht ausgespart, berichtete Landtagspräsidentin Orthner. So wurden durch das Landesarchiv außer dem Buch über das „Lager Glasenbach“ verschiedene Projekte durchgeführt. „Die Tatsache, dass rund zwei Jahre lang am Stadtrand von Salzburg ein Lager für tausende ehemalige Nationalsozialisten bestand, fand bislang kaum Niederschlag in der wissenschaftlichen Literatur. Von einigen wenigen Aufsätzen abgesehen, widmeten sich nur die gedruckten Erinnerungen ehemaliger Internierter von Camp Marcus W. Orr diesem Thema“, berichtete Dr. Oskar Dohle vom Landesarchiv, gemeinsam mit Mag. Peter Eigelsberger, Autor des Werkes. Selbst die genaue Situierung dieses Internierungslagers blieb in vielen Darstellungen unklar, denn entgegen einem bis heute weit verbreiteten Irrtum befand es sich nicht in Glasenbach (Gemeinde Elsbethen), sondern im Süden der Landeshauptstadt Salzburg, zwischen Alpenstraße und Salzach, im Bereich der heutigen Alpensiedlung, ungefähr zwischen Hans-Webersdorfer-Straße und Ginzkeyplatz.

In diesem Lager unter US-Verwaltung waren von Sommer 1945 bis zu seiner Übergabe an die österreichische Bundesregierung am 5. August 1947 tausende österreichische Nationalsozialisten und Sympathisanten des NS-Regimes (Höchststand im Januar 1947: 8.051) interniert. Bis Januar 1948 wurden dort auf einem Teil des Lagerareals von der US-Armee noch Nationalsozialisten, die während der NS-Zeit schwere strafrechtlich relevante Verbrechen begangen hatten, bei denen aus begründetem Verdacht noch weitere Untersuchungen liefen oder die an ausländische Gerichte ausgeliefert werden sollten, inhaftiert.

„Überlegungen, zu diesem Thema eine grundlegende Publikation zu erstellen, sind im Salzburger Landesarchiv seit Jahren vorhanden“, so Dr. Dohle weiter. Als im Oberösterreichischen Landesarchiv ein ähnliches Forschungsvorhaben bezüglich „Camp Marcus W. Orr“ begonnen wurde, entschlossen sich die beiden Landesarchive zu einem Gemeinschaftsprojekt. Die Forschungen stützten sich dabei zum Großteil auf die Schriftstücke der Landesverwaltungen von Salzburg und Oberösterreich sowie in geringerem Umfang auf Unterlagen österreichischer Bundesstellen, da fast keine schriftliche Überlieferung von US-Behörden zur Verfügung stand. Zusätzlich wurde versucht, durch Zeitzeugen-Befragungen und die Auswertung privater Aufzeichnungen Informationen über die Lebensbedingungen und den Alltag im „Lager Glasenbach“ zu erhalten. Es gelang, neben ehemaligen Lagerinsassen auch einen pensionierten österreichischen Gendarmen, der 1947 zur Bewachung des Lagers eingeteilt war, zu befragen.

Bei den Recherchen wurden in beiden Archiven hunderte Archivkartons durchgesehen, weil es einerseits zum „Camp Marcus W. Orr“ keine geschlossenen Archivbestände gibt, andererseits viele Abteilungen der Landesverwaltungen in den Jahren 1945 bis 1947 mit diesem Thema befasst waren. Diese aufwändigen Recherchen brachten zum Teil spektakuläre Funde, wie etwa einen amerikanischen Lagerplan im Maßstab 1:1.000. Er war eine vielfach unentbehrliche Unterstützung und „Erinnerungshilfe“ bei der Befragung von Zeitzeugen.

Erstmals standen den Historikern die bisher nicht zugänglichen Akten der Sicherheitsdirektion zur Verfügung. Der Schriftverkehr und die Lageberichte dieser Behörde sind für den Zeitraum ab November 1946 erhalten und lieferten viele neue Details, vor allem über die Spätphase des Lagers. In Oberösterreich brachte die Auswertung der Akten des Volksgerichtes Linz, vor dem sich „belastete“ Nationalsozialisten bis 1955 zu verantworten hatten, neue Erkenntnisse vor allem zum Umgang österreichischer Behörden mit dieser Personengruppe. Den beiden Autoren wurde erstmals aus dem Archiv des Internationalen Roten Kreuzes in Genf der schriftliche Bericht über den Besuch einer Rot-Kreuz-Delegation im „Camp Marcus W. Orr“ (Ende August bis Anfang September 1946) zur Verfügung gestellt. Diese überaus detaillierten Aufzeichnungen rundeten die Erkenntnisse zu den Lebensbedingungen im Lager ab.

Ein Schwerpunkt der Untersuchungen lag neben der Einbindung von Zeitzeugenberichten auf der Darstellung der Ernährungssituation sowie der hygienischen Bedingungen im Lager. Eingehend wurden die wöchentlichen „Hygiene-Berichte“, die „Medizinischen Wochenberichte“ sowie die Protokolle der „Compoundärztebesprechungen“ einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Lagerspital, wo prominente inhaftierte Ärzte eine medizinische Versorgung auf höchstem Niveau sicherstellten und auch erfolgreich chirurgische Eingriffe vornahmen. Die Geräteausstattung in diesem Hospital war durchaus mit jener in öffentlichen Krankenhäusern vergleichbar – in manchen Bereichen wahrscheinlich sogar besser.

Eine möglichst umfassende Untersuchung der Geschichte des Lagers Glasenbach gehört zweifellos seit Jahren zu den Desideraten der Geschichte der Nachkriegszeit in Österreich. Die Gründe für diese Lücke in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung sind einerseits die unübersichtliche Quellenlage in den verschiedenen Archiven im In- und Ausland, andererseits setzte bei vielen ehemaligen „Glasenbachern“ erst jetzt die Bereitschaft ein, über dieses Kapitel in ihrem Leben mit Historikern zu sprechen. Die vorliegende Publikation kann daher als „Buch der letzten Chance“ bezeichnet werden, denn in vielen Fällen war es die unwiderruflich letzte Möglichkeit, mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus „Camp Marcus W. Orr“ Interviews zu führen. Ihre ganz persönlichen Erinnerungen stellen eine wichtige Ergänzung der vorhandenen archivalischen Quellen dar und tragen wesentlich zum Verständnis vieler Aspekte der Lebens- und Haftbedingungen bei.

Mit diesem Buch soll ein Beitrag zur Aufarbeitung dieses Kapitels der österreichischen Nachkriegsgeschichte geleistet werden. Gleichzeitig kann es Fundament und Ausgangspunkt für eine weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema bilden. Das Buch „Camp Marcus W. Orr Glasenbach als Internierungslager nach 1945“ von Oskar Dohle und Peter Eigelsberger kann zum Preis von 26 Euro beim Salzburger Landesarchiv oder beim Oberösterreichischen Landesarchiv bestellt werden.

Kontakt:
Salzburger Landesarchiv
Michael-Pacher-Str. 40
A-5020 Salzburg
Tel.: 0662 / 8042 – 4521 oder – 4527
Fax: 0662 / 8042 – 4661
landesarchiv@salzburg.gv.at

Oberösterreichisches Landesarchiv
Anzengruberstraße 19
4020 Linz,
Tel.: +43 732 / 7720 – 146 01
Fax: +43 732 / 7720 – 146 19
landesarchiv@ooe.gv.at

Quelle: Salzburger Landeskorrespondenz, 14.7.2009

Sammlung Friedel Kloos für das Stadtarchiv Limburg

Das Stadtarchiv Limburg an der Lahn ist um einen wertvollen Bestand reicher: Maria Kloos übergab die von ihrem verstorbenen Ehemann Friedel Kloos (1928-2007) in jahrzehntelanger Arbeit zusammen getragene stadtgeschichtliche Sammlung. Bürgermeister Martin Richard und Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker nahmen die Sammlung mit großer Freude entgegen. Bürgermeister Martin Richard dankte der Witwe von Friedel Kloos für ihren Entschluss, mit dem sie allen über die Stadt Limburg Forschenden einen großen Dienst erwiesen hat. „Die Sammlung sucht ihresgleichen,“ so Martin Richard. Er hob auch die Verdienste hervor, die Maria Kloos sich durch die tatkräftige Unterstützung ihres Mannes bei der Anlage und Erschließung der Sammlung erworben hatte. Dem Dank des Bürgermeisters schloss sich der Stadtarchivar an: „Der Sammlung ist anzumerken, dass Friedel Kloos nicht nur ein Hobby betrieben hatte, sondern mit Leidenschaft bei der Sache war.“ Vor allem mehrere tausend Fotos aus der Zeit des späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart bereichern das Stadtarchiv und ermöglichen nun eine bessere Darstellung Limburger Geschichte als zuvor.

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Abb.: Übergabe der Sammlung im Stadtarchiv: (v.l.n.r.) Bürgermeister Martin Richard, Maria Kloos, Beate Kloos, Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker, Stephan Kloos (Foto: Stadt Limburg)

Der Aufbau der Sammlung begann 1976, als der unfreiwillig zum Frührentner gewordene Friedel Kloos eine sinnvolle Beschäftigung suchte. Er sammelte zunächst alte Ansichten seiner Heimatstadt Limburg. Schnell aber beließ er es nicht nur beim Zusammentragen von Fotos und Postkarten, sondern versuchte auch das Abgebildete einzuordnen, zeitlich wie räumlich. Er wertete zudem intensiv die Limburger Tageszeitungen seit dem 19. Jahrhundert aus. Dies daraus erwachsenen umfangreichen Verzeichnisse der Personen, Gebäude, Ereignisse, Straßen usw. stellte er noch selbst dem Stadtarchiv zur Verfügung, wo sie seitdem ein unverzichtbares Hilfsmittel der täglichen Arbeit sind.

Friedel Kloos verstand sich als „Stadtschreiber“, als Chronist der Ereignisse in seiner Heimatstadt. Davon zeugen zahlreiche Zeitungsartikel aus seiner Feder. Er wurde damit zu einer Auskunftsstelle zur Geschichte Limburgs und erfreute sich nicht zuletzt aufgrund seiner Hilfsbereitschaft großer Anerkennung. Öffentlich gewürdigt wurden seine Verdienste durch die Verleihung der städtischen Ehrenplakette 2003.

Bürgermeister Martin Richard und Stadtarchivar Dr. Waldecker dankten Maria Kloos sowie ihren Kindern Beate Kloos und Stephan Kloos für ihren Entschluss, die Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, damit sie weiter im Sinne von Friedel Kloos genutzt werden kann.

Der Sammelband zum Stadtjubiläum, der im Frühjahr 2010 erscheint, wird zu einem wesentlichen Teil mit Fotos aus dem neuen Bestand illustriert werden. Für Herbst 2010 ist eine weitere Publikation geplant, die aus der Sammlung Friedel Kloos erarbeitet wird.

Genutzt werden können die Sammlung Friedel Kloos und alle Bestände des Stadtarchivs immer mittwochs von 8.30 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung.

Kontakt:
Stadtarchiv Limburg a. d. Lahn
Mühlberg 2 (Schloss)
65549 Limburg a. d. Lahn
Tel.: 06431-932 367
Fax: 06431-584 39 47
www.limburg.de

Quelle: Stadt Limburg, Pressemitteilung 103, 10.7.2009

Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln

In der Kölner Innenstadt ist am 3. März 2009 das Gebäude in der Severinstraße eingestürzt, in dem das Historische Archiv der Stadt Köln untergebracht war. Teilweise eingestürzt sind auch die beiden benachbarten Wohnhäuser. Die Berufsfeuerwehr wurde um 13:58 Uhr benachrichtigt und löste Großalarm aus. Der Einsturz des Historischen Archivs hatte sich durch Geräusche angekündigt, so dass alle Mitarbeiter und zwei mit Dacharbeiten beschäftigte Handwerker das Gebäude rechtzeitig verlassen konnten. Zwei Anwohner verloren beim Einsturz des Archivs ihr Leben, sie konnten erst nach mehreren Tagen aus den Trümmern geborgen werden.

Spendenkonto:
Für die Bergung, Sicherung und Restaurierung von Archivalien des Historischen Archivs der Stadt Köln werden Spenden erbeten auf das Spendenkonto der FREUNDE DES HISTORISCHEN ARCHIVS DER STADT KÖLN E.V. bei der Sparkasse Köln-Bonn, Konto-Nr. 19 00 45 89 59 (BLZ 370 501 98), Stichwort: Rettung Historisches Stadtarchiv

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Abb.: Schuttschichten mit Archivgut (Foto: Stadt Köln).

Seit dem frühen Nachmittag des 3. März waren Kräfte der Berufsfeuerwehr, der Polizei und der Hilfsdienste im Einsatz. Die Suche nach den beiden verschütteten Anwohnern gestaltete sich als schwierig. Der Kölner Feuerwehrchef Stephan Neuhoff erklärte dies mit den einsturzgefährdeten benachbarten Gebäuden des Historischen Archivs. Unter der Unglücksstelle liegt ein Hohlraum, wodurch ein Absacken des Erdbodens zu befürchten ist. Bei dem Hohlraum handelt es sich um ein Gleiswechselbauwerk, das für die U-Bahn erstellt wurde. Zur kompletten Verfüllung des Hohlraums wurde Beton in den Raum gepumpt, ein langwieriger Vorgang. Erst anschließend wurde ein gefahrloseres Betreten der Unglücksstelle möglich. Bevor mit der Suche nach den beiden Opfern begonnen werden konnte, hatten zunächst die Dachreste der Gebäude gesichert werden müssen, ebenso ein umsturzgefährdeter Baukran.

Im Umkreis der Unglücksstelle wurden alle Gebäude evakuiert. Die Bergungsarbeiten im Kölner Severinsviertel gestalten sich aber äußerst kompliziert. Den gesamten Donnerstag benötigten die Helfer, um einen Zugang für jenen Bagger zu legen, der von der Rückseite des Archivs aus den Trümmerberg abtragen soll. Zuvor musste sich das Gefährt Meter für Meter durch den von Schutt übersäten Innenhof graben. An der Unglücksstelle wurde am 5. März ein beschädigtes Nachbarhaus abgetragen. Eine neue Plane sollte den Regen abhalten.

Nach dem Auffinden der beiden Toten konzentrieren sich die Einsatzkräfte jetzt auf die Bergung der Reste der wertvollen Kulturschätze. Zehn Tage nach dem Einsturz suchen sie hauptsächlich in dem U-Bahn-Bauwerk vor dem Archivgrundstück nach Dokumenten. Unter anderem kam mittlerweile die zweite Handschrift des Albertus Magnus zum Vorschein. Jede Fuhre Trümmer, die ein Kran auf einen Lastwagen lädt, wird von Helfern zuvor gesichtet, um auszuschließen, dass sich Akten, Bücher oder andere Dokumente darunter befinden. Ihre Ladung bringen Lkw zu einer eigens angemieteten, 27.000 Quadratmeter großen Lagerhalle nach Porz. Weitere Lagerfläche konnte nach kurzer Suche in der Stadt bereit gestellt werden. Hier wird das Material ein zweites Mal nach Archivalien durchsucht, bevor der Schutt endgültig entsorgt wird. Es besteht Hoffnung, einiges zu retten.

Feuerwehrleute und Kräfte des Technischen Hilfswerks spannten zunächst ein provisorisches Zelt über dem Trümmerberg. Zusätzlich zur Plane soll es die historischen Kostbarkeiten vor dem Regen schützen. Die Feuerwehr baute anschließend auf 50 Metern Länge eine provisorische Dachkonstruktion zum Schutz der Archivalien auf.

Die Stadt Köln bittet um Verständnis, dass aus Sicherheitsgründen derzeit keine privaten Unterstützungsmaßnahmen im Bereich der Baustelle durchgeführt werden können. Angebote von personeller Hilfe durch Archivare und Restauratoren werden zentral organisiert: Archivare richten ihre Hilfsangebote rwwa@koeln.ihk.de, Restauratoren an bert.jacek@fh-koeln.de. Die Hilfsangebote sollten nach Möglichkeit zentral als Dienststellen- oder bei größeren Archiven als Abteilungsmeldung abgegeben werden. Benötigt werden dazu folgende Angaben: Name, Vorname, Dienststelle, Ort, Telefonnummer, Email-Anschrift, Dauer des Einsatzes (Excel-Tabelle).

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Abb.: Mit dieser Darstellung erläuterte der Leiter der Berufsfeuerwehr Köln, Stephan Neuhoff, den Ablauf des Unglücks: Der Boden unter dem Gebäude des Stadtarchivs rutschte in den Bereich des U-Bahn-Bauwerks unter der Severinstraße ab. In den entstandenen Krater rutschte das Archivgebäude. Dem von unten drückenden Grundwasser wird mit tausenden Tonnen Beton entgegen gewirkt (Abb.: Stadt Köln).

Zur Ursache des Unglücks gibt es noch keine abgesicherten Hinweise. Die Untersuchungen laufen. Nach dem bisherigen Kenntnisstand hat ein Erdrutsch in dem Gleiswechselbauwerk unterhalb des Archivs dazu geführt, dass das Gebäude eingestürzt ist. Mitte 2007 entstanden im Historischen Archiv im Zuge des Schildvortriebs im Rahmen der Bauarbeiten für die U-Bahn Risse im Bereich einer Gebäudedehnungsfuge. Es erfolgte eine Begutachtung durch ein unabhängiges Sachverständigenbüro, das Schäden feststellte, aber zu dem Ergebnis kam, diese seien statisch nicht relevant. Es wurde vereinbart, das Schadensbild unter Beobachtung zu halten.

Ein zusätzlich eingeschalteter unabhängiger Statiker kam bei einer Begehung im Dezember 2008 ebenfalls zu dem Ergebnis, dass keine Gefahr für das Gebäude bestehe. Das Ergebnis des Gutachtens: \“Die entstandenen Risse sind unbedenklich. Das Gebäude ist im jetzigen Zustand in statischer Hinsicht ausreichend standsicher. Sicherungsmaßnahmen müssen nicht getroffen werden.\“ Ein unabhängiger Sachverständiger des Büros Zorn resümierte in einer Pressekonferenz der Stadt Köln, dass nach derzeitigem Kenntnisstand die damals begutachteten Schäden nicht ursächlich für das Unglück gewesen sein können.

Kontakt:
Historisches Archiv der Stadt Köln
Severinstr. 222-228
50676 Köln
Telefon: 0221-221-22329
Telefax: 0221-221-22480
HistorischesArchiv@stadt-koeln.de

Quelle: Jürgen Müllenberg, Stadt Köln – Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Pressemitteilung 1, Pressemitteilung 2, 3.3.2009, Pressemitteilung, 8.3.2009, Pressemitteilung, 12.3.2009, Pressemitteilung, 13.3.2009; Thorsten Moeck und Tim Stinauer, Kölner Stadt-Anzeiger, 5.3.2009.

Daten zur Jüdischen Gemeinde Saarbrücken aus der Zeit vor 1945 übergeben

Das Stadtarchiv Saarbrücken hat eine Liste der jüdischen Einwohner Saarbrückens 1933-1945 an die örtliche Synagogengemeinde übergeben. Die Liste war 2006 im Auftrag des Bundesarchivs im Stadtarchiv aus der Meldekartei erarbeitet worden und umfasst 2.400 Namen.

Das Bundesarchiv verwertet die Daten für die „Liste der jüdischen Einwohner des Deutschen Reiches 1933 bis 1945“, die es im Auftrag der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ erstellt.

Nachtrag (2023): Webseite „Jüdisches Leben in Saarbrücken und im Saarland“

Quelle: Landeshauptstadt Saarbrücken, Pressemitteilung, 9.5.2007

Gedenkbuch für Karlsruher Juden jetzt online

1933 lebten 3.358 Juden in Karlsruhe. Über 1.000 fanden zwischen 1933 und 1945 den Tod. Sie sollten nach dem Willen der Nationalsozialisten namenlos vergessen werden. An sie erinnert das Gedenkbuch, das auf einer Gedenkliste, die 1988 im Zusammenhang mit dem Besuch der ehemaligen Karlsruher Juden im Auftrag der Stadt erstellt wurde, basiert. In ihr sind die Namen und Lebensdaten der Ermordeten aufgeführt. Auf dieser Grundlage legte das Stadtarchiv Karlsruhe eine Datenbank an, die Recherchen nach Namen, Adressen, Berufen, besuchten Schulen und Deportationsorten der Betroffenen ermöglicht. Betreut durch das Stadtarchiv Karlsruhe sollen nach und nach die Biographien der Toten von Karlsruher Bürgerinnen und Bürgern, von Jugendlichen oder Gruppen geschrieben und hinzugefügt werden. Ansprechpartner sind hier der Stadthistoriker Dr. Manfred Koch und der Projektbetreuer Jürgen Schuhladen-Krämer. Diese individuelle Hinwendung zu dem Leben der Opfer ist zugleich Bestandteil der öffentlichen Gedenkkultur der Stadt. Jede fertig gestellte Biographie wird mit dem Namen des Verfassers dem Gedenkbuch eingefügt, das nun sowohl als Datenbank und auch als materielles Buch vorliegt. Dadurch werden die auf dem Grabstein eingravierten Namen mit einer jeweils individuellen Geschichte verbunden.

Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wurde im Januar 2001 der Gedenkstein auf dem Karlsruher Hauptfriedhof enthüllt, auf dem alle Namen der in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten und zu Tode gekommenen Karlsruher Juden eingraviert sind. Er ist Ausdruck der Hoffnung, die Vertriebenen und Toten, die meist keine eigene Grabstätte haben, zumindest symbolisch heimzuholen und einen Ort des Erinnerns zu haben. Der Grabstein trägt die deutsche Inschrift: „Den von den Nationalsozialisten ermordeten Karlsruher Juden zum Gedenken“. Auf hebräisch lautet die Inschrift: „Gedenket aller Seelen von Juden der heiligen Gemeinde der Stadt Karlsruhe, die in der Schoa ermordet wurden“ darunter die Formel: „Seine Seele möge eingebunden sein im Bunde des ewigen Lebens“. Der Grabstein ist in Verbindung mit diesem „Gedenkbuch“ Teil der Erinnerungskultur in Karlsruhe.

Seit dem 10. November 2006 ist die Datenbank online abrufbar. Außerdem kann das Gedenkbuch im Stadtmuseum und in der Erinnerungsstätte Ständehaus eingesehen werden. Hier liegt auch das gedruckte Gedenkbuch mit den Einlegblättern der fertig gestellten Biographien. Nach Terminabsprache ist im Stadtarchiv ebenfalls eine Einsicht in die Datenbank und zudem eine Beratung möglich.

Link: http://my.informedia.de

Kontakt:
Institut für Stadtgeschichte
Stadtarchiv Karlsruhe
Markgrafenstraße 29
76124 Karlsruhe
Tel.: 0721/133-4225
Tel.: 0721/133-42 77
Fax: 0721/133-4299
archiv@kultur.karlsruhe.de

Quelle: Stadtzeitung Karlsruhe Aktuell, 29.10.2006; ka-news, Online-Tageszeitung für Karlsruhe, 11.11.2006; Gedenkstein; Gedenkbuch für die Karlsruher Juden (aktualisiert: 24.1.2022)

LK Wolfenbüttel zwischen 1933 und 1945

In zweijähriger Arbeit hat der Historiker Markus Gröchtemeier (35) die Zeit des Nationalsozialismus im Kreisgebiet Wolfenbüttels aufgearbeitet. „Nationalsozialismus auf dem Land – Der Landkreis Wolfenbüttel in den Jahren 1933 bis 1945“ lautet der Titel seines Buches, das jetzt erschienen ist. Die Präsentation des vom Landkreis Wolfenbüttel herausgegebenen Werkes war am Freitag gleichzeitig Auftakt der Veranstaltungsreihe zum 60. Jahrestag des Kriegsendes am 11. April 2005.

Landrat Burkhard Drake betonte, es sei an der Zeit gewesen, eine solche Dokumentation vorzulegen. Die Darstellung der Ereignisse während der NS-Diktatur habe für den Landkreis bislang gefehlt. Der Landrat berichtete, dass die Quellenlage im Vergleich zu vielen anderen Gegenden hervorragend gewesen sei. Gröchtemeier habe vieles aus Verwaltungsakten im Niedersächsischen Staatsarchiv in Wolfenbüttel finden können. Und das, obwohl es zum Kriegsende eine umfangreiche Aktenvernichtung gegeben habe.

Aus den Unterlagen hat Gröchtemeier die Kreisgeschichte detailreich nachgezeichnet, so Drake. Heimatpfleger hätten mitgearbeitet. Außerdem kommen Zeitzeugen zu Wort. Das mehr als 160 Seiten starke Buch ist mit historischen Fotos bebildert.

Kontakt:
Landkreis Wolfenbüttel
Bahnhofstraße 11
38300 Wolfenbüttel
Telefon: (05331) 84-0
Telefax: (05331) 84-430
Info@LK-WF.de

Quelle: Hans-Dietrich Sandhagen, newsclick.de, 9.4.2005

»Kleine Schrift« des Stadtarchivs Böblingen über Flugzeugkonstrukteur Hanns Klemm

„Hanns war nicht groß gewachsen – ein schmächtiges Bürschlein soll er gewesen sein und wegen seiner Schuhgröße 37 von seinen Kommilitonen geneckt. Die konnte er an Länge zwar nicht einholen, aber durch seine Examenserfolge wuchs er an Größe bald über diese hinaus“. Zum 120. Geburtstag von Hanns Klemm ist aus der Feder von Lilo Holzer-Klemm in der Reihe „Kleine Schriften des Stadtarchivs Böblingen“ ein Büchlein erschienen, das mit lustigen Begebenheiten, sehr persönlichen Reminiszenzen und Anekdoten an den großen Flugzeugkonstrukteur und Böblinger Ehrenbürger erinnert. Die Stuttgarter Autorin von Kinder- und Jugendbüchern ist die Gattin von Hansjörg Klemm und der wiederum der Sohn von Ernst Klemm, der ein Vetter des Flugzeugbauers und bei den Klemm-Werken zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit war.

Gestern wurde das Büchlein bei einer kleinen Geburtstagsfeier in der alten Böblinger Fliegerhalle vorgestellt. Zu der „kleinen intimen Veranstaltung“ hatten der Geschäftsführer des Flug-Feld-Zweckverbands Olaf Scholz und der scheidende Stadtarchivar Dr. Günther Scholz Veteranen der Fliegerstadt Böblingen eingeladen. So kam auch der Sohn von Hanns Klemm, der 84-jährige Hannsjürgen Klemm, gestern an den Ort seiner Kindheit zurück.

Quelle: Hansjörg Jung, Böblinger Zeitung, 4.4.2005

Läßt sich Wind archivieren? – Ausstellung von Enzo Fiore „Das Archiv des Windes“

„Ich will, daß meine Werke lebendig sind“, sagt Enzo Fiore, der seit ungefähr drei Jahren Wurzeln, Zweige und Blätter sammelt, als wäre er ein Naturforscher – dann mischt er sie mit Harzen und macht daraus ein Pferd, einen Hund oder einen Menschen.

Von den Skulpturen bis hin zu den großformatigen, mit Öl auf Leinwand ausgeführten Gemälden ist die lebende Materie ein Teil seiner Arbeit. Der Künstler fügt echte Blätter und Zweige in die Bilder ein, in denen er neben den Menschen auch Tiere malt wie z. B. den Tiger, deren Tatzen sich so weit strecken, dass sie sich in der Erde auflösen, wobei sie das werden, was sie ursprünglich waren. Die in seine Werke eingefügten Naturelemente werden zu Zeugnissen von einer Zeit, die zu keiner festgesetzten Periode gehört, die keine Ausnahmen duldet, die ein absoluter Zustand ist. Nach den erfolgreichen Ausstellungen in Rotterdam und in Neapel im Laufe des letzten Jahres, zeigt diese Ausstellung ungefähr zwanzig neue Werke, zu welchen auch ein Bronzegegenstand (ein einmaliges Exemplar) zählt, den der Künstler mit trockenen Zweigen ausgeführt hat.

„Die Bilder von Fiore stehen einfach da. Mit dem geheimnisvollen Vitalismus des Natürlichen und der tödlichen Starrheit der Form, wobei sie in ihrer selben Darstellung Kampflust und Todeskampf entfalten. Nicht erzählte Unruhen, die in einem anderen Territorium, jenem der Malerei, hervorgerufen und wahr gemacht werden. Mit brennender Liebe, denn durch Schönheit entzaubert…“ (F. Gualdoni). Am Freitag, dem 11. März um 18 Uhr wird in der Goethe Galerie (Bozen) die Einzelausstellung von Enzo Fiore „Das Archiv des Windes“ eröffnet

Der 1968 in Mailand geborene und dort lebende und arbeitende Künstler stellt sich dem Bozner Publikum nach der Ausstellung „Trasferimento di chiamata“ (Rufumleitung) nochmals vor, die im Februar 2004 als Austausch-Ausstellung zwischen vier Künstlern aus Mailand und vier aus Südtirol veranstaltet wurde: Enzo Fiore, Josè d’Apice, Carlo Pisa, Giovanni Sesia, Robert Bosisio, Arnold Mario Dall’O, Eduard Habicher, Robert Pan.

Ausstellungsdauer: 11.03. – 04.05; Öffnungszeiten: 10.00 – 12.30 / 15.30 – 19.30; Samstag Nachmittag und an Feiertagen geschlossen

Quelle: Südtirol online, 7.3.2005

Restaurierung von Sergei Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin«

Der Münchner Filmhistoriker Enno Patalas, der schon Fritz Langs „Metropolis“ und „M“ restaurierte, hat jetzt die vollständigste Fassung von Sergei Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ vorgelegt. Seine Arbeit beschreibt er in der WELT.

Ein Ruf wie Donnerhall: Es geht um ein Werk, das wie kein anderes die Vorstellungen geprägt hat, die das 20. Jahrhundert sich vom Film „als Kunst“ machte. Mit „Panzerkreuzer Potemkin“ fand er zu seiner Identität als technisches Medium: ein Konstrukt aus fotografierten und montierten Realitätspartikeln, Mensch (Masse) und Maschine – Triebkräfte ein und desselben dynamischen Prozesses.

Der „Potemkin“ war nie ein „verlorener“ Film. 1958 wählten hundert Filmhistoriker aus aller Welt ihn zum „besten Film aller Zeiten“. Zu sehen war er damals in einer Tonfassung von 1950, in der ein paar Dutzend Einstellungen fehlten oder umgesetzt waren, mit Lenin-Zitaten vorneweg und im Schlußkommentar. In der Bundesrepublik wurden wiederum die Titel ersetzt durch einen Text von Friedrich Luft, der die künstlerischen Meriten des Films pries und seine historischen Implikationen kleinredete.

Anfang 1926, kurz nach seiner Moskauer Premiere, wurde „Potemkin“ erstmals in Berlin gezeigt. Der Regisseur Piel Jutzi hatte aus Eisensteins fünf Akten sechs gemacht, das Drama so zur Chronik verflacht. Kein „Kettenglied der revolutionären Arbeiterbewegung Rußlands“, sondern „eine irgendwie zufällige, untypische Meuterei mit historisch neutralem Hintergrund“, fand Eisenstein.

Im März 1926 verbot die Filmprüfstelle den Film, im April gab sie ihn frei mit 14 Schnittauflagen. Die Änderungen wurden im Originalnegativ des Films vorgenommen, das Goskino dem linken Berliner Verleih Prometheus verkauft hatte. In diesem Zustand kam das Negativ nach Moskau zurück. Die russische Fassung von 1950, mit von Stumm- auf Tonfilmnorm gestreckter Bildfrequenz und einer neuen Musik, respektierte die deutsche Bearbeitung. Zwischentitel wurden neu aufgenommen. Die „Jubiläumsfassung“ von 1976, von Sergej Jutkewitsch, war der bislang bemühteste und gelungenste Versuch, dem Eisensteinschen Original nahezukommen. Dessen Einstellungsfolge wurde wiederhergestellt, Mängel des Gosfilmofond-Materials wurden behoben durch Rückgriffe auf das Duplikatnegativ des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), dem der Eisenstein-Schüler Jay Leyda in den Dreißigern eine Kopie verschafft hatte.

Für die Sicherung des Films in seiner ursprünglichen Form brachte das Jubiläum nichts. 1986 konfrontierte die Frankfurter Junge Deutsche Philharmonie uns im Münchner Filmmuseum mit dem Wunsch, für Aufführungen eine Kopie bereitzustellen. Wir schnitten eine Gosfilmofond-Kopie um, ergänzten sie in großer Eile mit Duplikaten aus dem Londoner National Film Archive und versahen sie mit deutschen Titeln. Das Ergebnis war ein Kompromiß zwischen Eisenstein- und Jutzi-Fassung. Unvergeßlich ist mir der Effekt, den bei der Aufführung in der Münchner Philharmonie das Finale des dritten Akts machte – wenn die von Hand rot gefärbte Fahne am Mast hochsteigt.

Mit der „Berliner Fassung“ bekommt jetzt die Geschichte des „Potemkin“ ein neues Kapitel. Zwar erwies sich die Hoffnung, auf das in Moskau verwahrte Kameranegativ zurückgreifen zu können, als illusorisch – Gosfilmofond befand es für nicht mehr kopierbar. Doch fielen Tests des Bundesarchivs, Abteilung Filmarchiv mit zunächst nur als Ergänzung gedachten Londoner Kopien positiv aus. Das waren vor allem die zwei Kopien der ersten Generation, also direkt vom Kameranegativ gezogen – eine Ende der zwanziger Jahre aus Deutschland importierte und die dem Londoner Archiv vom MoMA überlassene Kopie.

Insgesamt kommt die neue „Berliner Fassung“ auf 1335 Einstellungen, 15 mehr als die bisher vollständigste, die „Jubiläums-Fassung“, 45 mehr als die Gosfilmofond-Überlieferung. Dazu die 146 Vorspann- und Zwischentitel; die 13 in der MoMA-Kopie fehlenden ließen sich nach Moskauer Quellen rekonstruieren, darunter das legendäre Trotzki-Motto: „Der Geist der Revolution schwebte über dem russischen Lande. Irgendein gewaltiger und geheimnisvoller Prozeß vollzog sich in zahllosen Herzen: die Individualität, die eben erst sich selbst erkannt hatte, ging in der Masse und die Masse in dem großen Elan auf.“ Die Sätze könnten Eisenstein das Konzept für seinen Film eingegeben haben.

Quelle: Enno Patalas, WELT.de, 12.2.2005