Virtuelle Reise durch die Schatzkammern der Stabi

Die Berliner Staatsbibliothek gewährt in einer neuen Ausstellung Einblicke in ihre Schatzkammern historischer Drucke. In der Schau „Ex Bibliotheca Regia Berolinensi – Galaxie des Wissens“ werden bibliophile Werke aus fünf Jahrhunderten in moderner Form präsentiert: virtuell und multimedial auf CD-ROM, an Terminal-Installationen und im Internet (www.galaxie-des-wissens.de).

Videosequenzen, Tondokumente, interaktive Funktionen und Detailansichten ermöglichen eine Entdeckungsreise durch den drei Millionen Bände umfassenden historischen Druckschriftenbestand. Vom Plakatdruck der 95 Thesen Martin Luthers bis zur Tarnschrift aus dem Zweiten Weltkrieg reicht die Palette der Exponate. Zu sehen ist die Multimedia-Präsentation im Haus 1 der Staatsbibliothek Berlin, Unter den Linden 8. 

Quelle: Die WELT, 22.8.2003

Tag der offenen Tür im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden

40.000 laufende Meter Akten werden im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden aufbewahrt. Ein schöner, aber klotziger, denkmalgeschützter Bau im Dresdner Regierungsviertel, voll mit Unterlagen, Urkunden, Karten und Plänen aus mehr als tausend Jahren. Die Überlieferung des sächsischen Staates seit dem 10. Jahrhundert. Hier wird aufbewahrt, was in sächsischen Behörden und Gerichten produziert oder dokumentiert wurde, damit unsereiner heute noch mal nachlesen kann: Zum Beispiel, wie sich die Markgrafen Friedrich III. und Balthasar von Meißen am 13. Mai 1356 über die Unteilbarkeit ihrer Länder auf Lebenszeit einigten, oder wie die Abgeordneten des Sächsischen Landtags 1881 den „humoristischen Rundgesang“ pflegten, oder wie die Jugendlichen der Firma Sanitätshaus Beckert in Bautzen Spottgedichte auf die SED schrieben. Aufbewahrt auch, damit künftige Generationen noch einmal im „Bericht der Unabhängigen Kommission der Sächsischen Staatsregierung zur Flutkatastrophe 2002“ nachschlagen können.

Da kommt natürlich ganz schön was zusammen. 20 Kilometer Akten werden jährlich in sächsischen Behörden angelegt, schätzt Andrea Wettmann, die Sprecherin des Staatsarchivs. Aber höchstens zwei bis fünf Prozent landen nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist im Staatsarchiv. „Wir schlagen Schneisen“, sagt Andrea Wettmann. „Eine unserer Hauptaufgaben ist das Vernichten.“ Was übrig bleibt, ist umfangreich genug. Der Archivbestand wächst und wächst, dabei ist das Gebäude auf der nach ihm benannten Dresdner Archivstraße schon mehr als voll. Längst werden Neuzugänge andernorts in Depots verwahrt, beispielsweise in Kamenz.

Thermokopien sind der „totale Horror“

Dringend müsste das Haus aus dem Jahre 1915 saniert werden. Der Fahrstuhl ist von 1935, Heizung, Elektrik und andere Technik sind ebenfalls antik. Von Klimatisierung ganz zu schweigen. Die großen Jugendstilfenster sind zwar schön, aber so viel Licht ist Gift für die offen in Regalen lagernden Akten. Behelfsweise sind die Scheiben derzeit mit gelber Folie beklebt, die vor UV-Strahlen schützt. „Wir brauchen auch dringend einen Magazin-Neubau“, sagt Archivleiter Guntram Martin. Fürs kommende Jahr sind erste Planungsmittel versprochen, vielleicht wird 2005 mit einem Neubau begonnen.

Die äußere Hülle ist das eine, das Innenleben ist nicht weniger problematisch. Denn die Aktenberge bröseln. Ungeschützt liegen die Mappen übereinander in alten Regalen, verstauben und verrotten. Dabei sind die rein mechanischen Schäden am Papier noch harmlos, erklärt Archivleiter Martin. Vor allem Industriepapiere sind anfällig für chemische Prozesse, die die Unterlagen schrittweise auflösen. Thermokopien zum Beispiel seien „der totale Horror“. „Wir sind bei der Lagerung bis an die Grenze des Machbaren gegangen“, sagt Martin.

Seit eineinhalb Jahren wird nun endlich verpackt. Ein riesiger Kraftakt bei laufendem Betrieb. 26 Hilfskräfte packen Päckchen, zwei Jahre lang. 25.000 laufende Meter Archivgut werden in 150.000 Kartons umgelagert. „Arbeit statt Sozialhilfe“ heißt die Fördermaßnahme, die die Hilfskräfte stellt und bezahlt. Auch dazu wird es wohl Akten geben, und auch die landen wohl wieder in Archiven, um verpackt zu werden.

Heiko Voigt steht zwischen den verstaubten Regalen im stickigen sechsten Stock und schwitzt. 18 Grad wären ideal, in den vergangenen Wochen war er froh, wenn es nur 35 waren. Mitten im Sächsischen Kriegsarchiv. Zurzeit sind die Monatslisten des königlichen Hauptzeughauses dran. 1859 und folgende. Verpflegung und Ausstattung der 7. Artillerie-Division. Mit viel Mühe lassen sich die Namen der Soldaten entziffern. Heiko Voigt guckt aber gar nicht rein. „Man kann das Meiste sowieso nicht lesen“, sagt der 34-Jährige.

Er greift zum Staubsauger. Mappe für Mappe entstaubt er mit einer Spezialbürste, schaut nach äußerlichen Beschädigungen, wickelt die Mappen in weißes Pergamentpapier und legt sich sorgfältig ab in säurefreie „Stülpdeckelkartons Nr. 4, aus Archivpappe, hell“. Alles wird sorgfältig beschriftet. Überall stehen Unmengen Kartons rum, zwischen den Regalen, in den Gängen auf den Fluren. Der Platz reicht einfach nicht mehr aus, denn verpackt brauchen die Akten viel mehr Lagerraum. Dafür kommen die Archivare sehr viel schneller an das, was sie suchen.

Zehn bis zwölf Meter schafft Heiko Voigt pro Tag. Eine ganz leichte Arbeit ist das nicht. Der Staub, die stickige Luft. Und volle Konzentration. Wehe, irgendwas kommt hier durcheinander. „Eine Minute Unaufmerksamkeit bedeutet 100 Jahre suchen“, hat Archivleiter Martin den Hilfskräften anfangs klargemacht. Den Spruch haben sie sich ans schwarze Brett geheftet. 20 000 laufende Meter haben die 26 Männer und Frauen bisher geschafft. Die Akten aus dem Forstrevier Moritzburg zum Beispiel warten noch oder die der sächsischen Gesandschaft in Wien aus der Zeit, als Sachsen noch Außenpolitik betrieb.

Eigentlich sei es ein Unding, dass überhaupt in den Magazinen gearbeitet wird, sagt Martin. Allein die menschlichen Ausdünstungen machen vielen Dokumenten zu schaffen. Anderswo, in modernen Archiven, sei das undenkbar. Aber irgendwie müssen die Mappen ja in die Kartons kommen. Nur die ganz wertvollen Stücke werden schon immer in Spezialschränken unter besonderen Bedingungen gelagert.

Die Schlüssel zu Augusts Privatgemächern

Die Schlüsselaffäre am Hof August des Starken zum Beispiel, dokumentiert durch königliche Schreiber und zwei Abdrücke von Schlüsseln zu Augusts persönlichen Gemächern. Die hatte 1718 seine Mätresse Maria Magdalena Gräfin von Dönhoff herstellen lassen. Die geplante Nachfertigung der Schlüssel in Prag kam jedoch aus unbekannten Gründen nicht zustande. 1719 übergab die an der Intrige beteiligte Maria Magdalena Helena von Schlangen die Schlüsselabdrücke an den König und geriet dabei selber in Verdacht. Doch August ließ schließlich Gnade vor Recht ergehen. Dies ist eine von vielen Episoden, deren Dokumente das Hauptstaatsarchiv am Sonnabend während eines Tags der offenen Tür zeigt. Besucher können dort interessantes Archivgut einsehen. Den Niederlassungsvertrag zwischen Sachsen und den USA mit eindrucksvollem Siegel zum Beispiel, 1846 unterschrieben vom US-Präsidenten James K. Polk und dem Außenminister und späteren Präsidenten James Buchanan. Oder die kuriose Tatortskizze eines Mordfalls in der Niederlößnitz. Die Leiche der Hanne Rosine Hässlich war am 5. März 1847 im Hof ihres Hauses gefunden worden. Direkt neben der Hundehütte. Das machte der Zeichner gleich mehrfach deutlich. Vor der Hütte bellt auf der Skizze ein kleines Tier, und damit’s keiner übersieht, steht noch deutlich darüber geschrieben „Hund“.

Am Sonnabend, 23. August, beteiligt sich das Sächsische Hauptstaatsarchiv erstmals mit einem „Tag der offenen Tür“ am „Gläsernen Regierungsviertel“ in Dresden. Von 11 bis 16 Uhr werden einmalige Originale aus der sächsischen Geschichte gezeigt.

Kontakt:
Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden
Archivstraße 14, 01074 Dresden
Frau Dr. Andrea Wettmann
Tel.: 0351/8006-138
andrea.wettmann@archive.smi.sachsen.de

Quelle: sz-online, 22.8.2003

Neues Verfahren Kohl gegen Birthler

Am 17. September wird das Berliner Verwaltungsgericht über die juristische Auseinandersetzung zwischen dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, verhandeln.

Im Oktober 2002 hatte Kohl der Birthler-Behörde für den Fall mit einem Ordnungsgeld gedroht, dass sie Unterlagen über ihn an Journalisten oder Historiker herausgäbe. Kohl ist der Meinung, das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das ihn als „Betroffenen oder Dritten“ im Sinne des Stasi-Unterlagengesetzes sieht, schütze ihn dauerhaft davor, dulden zu müssen, dass Stasi-Beobachtungen über ihn publiziert werden.

Frau Birthler reichte gegen die Androhung eines Ordnungsgeldes im Oktober 2002 eine sog. Abänderungsklage beim Verwaltungsgericht ein: Sie ist der Ansicht, das im Sommer 2002 novellierte Gesetz schaffe eine neue Rechtsgrundlage für die Herausgabe von Akten prominenter Stasi-Bespitzelter.

Das Gericht wird über die Klage von Frau Birthler zu entscheiden haben. Hilfsweise haben Kohls Anwälte „Wiederklage“ gegen die Herausgabe von Unterlagen über ihn erhoben. Nach Auskunft eines der Anwälte Kohls zeigt ein in Auftrag gegebenes Gutachten, dass die Neufassung des Stasi-Unterlagengesetzes gegen das Grundgesetz verstößt.

Quelle: FAZ, 21.8.2003, S. 4.

Methoden und Kriterien der Fimrestaurierung

Das Material, aus dem Kino gemacht wird, ist unwiderstehlich. Die Körnung der Bilder, die Kontrastierung des Lichts, die Intensität von Farben und Musik haben schon Generationen von Filmkritikern zu poetischen Höhenflügen veranlasst. „Nicholas Ray ist Kino“, hat Jean-Luc Godard gesagt, als er noch Filmkritiker war – und ihm später sein filmisches Werk gewidmet.

Wie viel Kino das Werk eines einzelnen Regisseurs sein kann, hat kürzlich die erste komplette Nicholas-Ray-Retrospektive im Pacific Film Archive in Berkeley gezeigt. Rays Filme haben alles, wovon das Kino lebt. Gerade deshalb waren sie immer schon besonders anfällig. Die Folgen waren während der Retrospektive unübersehbar. So stand eine rotstichige Kopie von Rays farbenprächtigem Bibelfilm „King of the Kings“ einer kristallinen, in ihrer perfekt rekonstruierten Hypernatürlichkeit fast surrealistisch anmutenden Kopie von „Johnny Guitar“ gegenüber. Magenschmerzen bereitete vielen Zuschauern die in Schweden aufgefundene und bemitleidenswert ramponierte Kopie von „The Lusty Man“. Standing Ovations hingegen gab es für eine krispe, liebevoll restaurierte Kopie von „They Live by Night“. Und doch konnte dieser Höhepunkt nicht darüber hinwegtäuschen, welch schweren Stand die Filmkunst – und nicht nur die Nicholas Rays – heutzutage hat. Sie löst sich buchstäblich auf.

Neuen Konzepten der Bestandspflege wird heute nicht nur in filmwissenschaftlichen Kreisen immer größere Bedeutung beigemessen. Denn es geht unter anderem darum zu zeigen, dass sich Filmpräservation und -restaurierung nicht ausschließlich mit der Vergangenheit befassen, sondern im Gegenteil ein noch sehr junges Arbeits- und Forschungsfeld bilden. Das befindet sich auf dem jüngsten Stand der digitalen Technik, und seine kulturelle Bedeutung ist im Informationszeitalter immens. Das Kino mag zwar per se kein aussterbendes Medium sein, seine Daten jedoch, die Filme nämlich, befanden sich immer schon auf vergänglichen Trägern.

Das größte Problem der Filmarchive besteht derzeit darin, dass die neu entwickelten digitalen Sicherungsmedien, die das Lagern großer Datenmengen ermöglichen, schneller obsolet sind, als die Archivare und Restauratoren weltweit mit der Sicherung der gigantischen Bestände an Originalkopien nachkommen können. Dietrich Schüller, der Direktor des Österreichischen Phonogrammarchivs und Mitarbeiter der Unesco-Studie „A Philosophy of Audiovisual Archiving“ (1998), sagt, dass heute bereits 80 Prozent aller Stummfilme und mehr als die Hälfte aller Tonfilme für die Nachwelt verloren seien. Ein Verfall, der sowohl die marginalen Werke der Filmgeschichte als auch Hollywood-Klassiker wie „The Sound of Music“ betrifft, der zurzeit von der American Academy wieder in präsentable Form gebracht wird. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Der Impuls zum Restaurieren ging im Wesentlichen von den großen Hollywood-Konzernen aus, allen voran Sony. Sie erkannten Mitte der 80er-Jahre, dass die Filmbestände aus der Studio-Ära langsam zerfielen. Dies betraf nicht nur das äußerst empfindliche und leicht entflammbare Nitrozellulose-Material, auf dem bis in die 50er-Jahre gedreht wurde, sondern im selben Maße auch die vermeintlich sichereren Acetat-Filme der letzten fünfzig Jahre, auf die man nach der Verbannung der explosiven Nitro-Filme aus den Lichtspielhäusern umstieg.

Das auf Acetatzellulose basierende Filmmaterial erwies sich zwar als weit weniger feuergefährlich, war aber wie der Nitro-Film chemisch nicht sehr beständig. Schlechte Lagerzustände wie Hitze und Feuchtigkeit haben über die Jahre bei vielen Kopien das so genannte „Vinegar Syndrome“ hervorgerufen, bei dem eine der Essigsäure verwandte Substanz vom Material freigesetzt und von dort auf andere Kopien übertragen wird. Erst in den 80er-Jahren gingen die Filmlaboratorien dazu über, Polyester als Filmmaterial für Sicherungskopien zu verwenden.

Die wissenschaftliche Disziplin Filmrestaurierung befindet sich heute an einem entscheidenden Wendepunkt. Da die erste Expertengeneration sich ihr Handwerk noch selbst beibringen musste, fehlten ihr lange ein professionelles Selbstverständnis sowie ein kritisches Rahmenwerk im Hinblick auf theoretische, methodische und ethische Fragen, das die jahrezehntelangen beruflichen Erfahrungen schließlich in einem fundierten Programm, einer Art Philosophie, zusammengefasst hätte.

Hier ist in den letzten Jahren vor allem in den Filmarchiven selbst wichtige Basisarbeit geleistet worden. Der Internationale Zusammenschluss von Filmarchiven (FIAF) verfügt seit einigen Jahren über einen dezidierten Satzungsbeschluss, den „Code of Ethics“, der, basierend auf der Unesco-Studie von 1998, allen Mitgliedern klare Richtlinien im Umgang mit seltenem Filmmaterial vorgibt. Ganz oben auf der Liste steht der Schutz der Integrität des Materials sowie der Schutz gegen jede Form der Manipulation, Verstümmelung, Verfälschung oder Zensur. Der „Code of Ethics“ ist heute ein verbindlicher Standard, der auch in den führenden Filmpräservationsprogrammen an der Universität Los Angeles (UCLA) und der Jeffrey Selznick School am George Eastman House in Rochester, New York, gelehrt wird.

Wer aber zeichnet nun für die Pflege des Filmbestandes verantwortlich? Und wer kommt für die anfallenden Kosten auf? Die belaufen sich immerhin auf knapp 40.000 US-Dollar pro restaurierter Kopie; 100 Jahre materialgerechter Lagerung würden pro Kopie mit etwa 4.500 Dollar zu Buche schlagen. Kulturpolitisch wurde Film schon immer weniger als universales Gut denn als nationales Erbe betrachtet. Aber der Staat hat ganz andere Sorgen, als sich mit dem verblichenen Andenken seiner Filmgeschichte zu befassen – besonders dann, wenn es ihn Geld kostet. Der Filmrestaurator Martin Körber, der unter anderem für die digitale Restauration von Fritz Langs „Metropolis“ (2001) verantwortlich zeichnet, sieht die Grundlage für einen verantwortungsvollen Umgang vor allem darin, dass das Bewusstsein für Film als kulturhistorisch relevanter Kunstform hoch entwickelt ist. Dieses Bewusstsein muss notwendigerweise nationale Interessen überwinden.

Interessanterweise ist solch ein kulturelles Bewusstsein aber besonders in solchen Ländern stark ausgeprägt, in denen eine nationale Filmkultur von einer einflussreichen und potenten Filmindustrie Rückhalt erfährt. In Europa gilt das vor allem für Frankreich, in geringerem Maße auch für England und Italien. Dass die partikularen nationalen Interessen Hand in Hand mit einem universalen, in den Filminstitutionen weltweit kultivierten Bewahrergeist gehen, war maßgeblich für die rasanten Fortschritte, die in den letzten zehn Jahren auf dem Feld der Filmrestauration zu verzeichnen sind.

Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Retrospektive auf der diesjährigen Berlinale war ein gelungenes Beispiel für solch eine internationale Kooperation. Nicht zuletzt die enge Zusammenarbeit der Friedrich-Wilhelm Murnau-Stiftung, die seit ihrer Gründung 1966 den nach dem Zweiten Weltkrieg von den Westalliierten beschlagnahmten Filmstock der ehemals reichseigenen Produktionsgesellschaften UFA, Universum Film, Bavaria, Tobis und Terra verwaltet, mit dem National Film and Television Archive des British Film Institute, der 20th Century Fox, dem L'Immagine Ritrovata in Bologna und anderen Institutionen gewährleistete den Erfolg der Retrospektive und der begleitenden Panels.

Und wer bezahlt die Rechnungen, die durch solche aufwändigen Restaurierungsprojekte anfallen? Eine Frage, die die prekäre Situation der Filmrestaurierung in Deutschland verdeutlicht. In den USA befinden sich von jeher sowohl Filmrechte als auch Filmmaterial in solventer privater Hand, nämlich in der der Hollywood-Studios. Diese verfügen über Möglichkeiten, die Budgets für ihre Archive sowohl mit Einnahmen aus aktuellen Titeln als auch durch den immer noch boomenden amerikanischen DVD-Markt, der mit Filmklassikern noch längst nicht gesättigt ist, abzudecken. Allein Sony restauriert im Jahr fast 300 Filme aus dem Bestand. Deutschland dagegen verfügt nicht über eine vergleichbare Filmindustrie; so bleibt es finanziell schwach ausgestatteten Institutionen wie der Murnau-Stiftung oder dem Filmmuseum München überlassen, die historisch-wissenschaftliche Arbeit mit der Filmgeschichte zu pflegen.

Die Murnau-Stiftung hat in dieser Hinsicht erste Schritte unternommen, die Pflege des Filmstocks zu professionalisieren. In enger Zusammenarbeit mit der Transit Film GmbH arbeitet die Stiftung daran, die kommerzielle Auswertung ihres Rechtebestandes durch gewerblichen Kinoverleih, eine weitreichende Video- und DVD-Vermarktung sowie den Lizenzhandel mit TV-Sendern und Vertriebsfirmen im Ausland zu verbessern. Die im April veröffentlichte Edition von deutschen Stummfilm-Klassikern, zu der neben vier Murnau- und drei Lang-Filmen auch „Der Golem“ und Joe Mays „Asphalt“ gehören, war das erste Großprojekt, mit dem die Murnau-Stiftung die filmrestaurative Arbeit in Deutschland internationalen Maßstäben angleichen will. Manche Experten meinen, dass es höchste Zeit ist.

Denn nur, wenn Filmgeschichte sichtbar bleibt, schärft sich das Bewusstsein für die Bedeutung des Films als künstlerischer Gestaltungsform. Wenn die Bilder aus der – wie es im Jargon der Unesco heißt – „World Memory“ gelöscht sind, bleibt nichts als ein flackernder Schein auf leerer Leinwand.

Quelle: taz Nr. 7136 vom 21.8.2003, Seite 15.

Staatsarchiv Luzern mit neuer Website

Keine Animationen – dafür eine klare Navigation und viel Inhalt, der laufend ausgebaut wird. Das Luzerner Staatsarchiv sieht in seiner Website (www.staluzern.ch) ein Arbeitsinstrument für alle, die sich für die Geschichte des Kantons Luzern interessieren und das Archiv als Forschungsort besuchen wollen. Mit dem neuen Layout wird das Webangebot des Staatsarchivs zugänglicher: klar, einfach, übersichtlich, und schnell.

Der gesamte Inhalt wurde ergänzt und neu strukturiert: Die verschiedenen Kunden und Partner werden direkt angesprochen. Sie finden auf speziellen Seiten massgeschneiderte Angebote und weiterführende Links.

Ein Volltextsuche erschliesst nicht nur die allgemeinen Informationen, sondern auch eine aktuelle und ausführliche Übersicht über die gesamten Bestände des Archivs. Nicht weniger wertvoll sind die Hilfeleistungen für die Arbeit mit Archivquellen, die verschiedenen Merkblätter zum Herunterladen oder die rund 2500 Familienwappen.

Kontakt: 
Staatsarchiv des Kantons Luzern
Schuetzenstrasse 9
Postfach 7853
CH-6000 Luzern 7
TEL : ++41 41 228 53 64
http://www.staluzern.ch

Hamburgs Geschichtswerkstätten starten ihr Protestprogramm gegen die Kürzungen

Die Situation ist paradox. Nie zuvor haben Hamburgs Geschichtswerkstätten eine solche Aufmerksamkeit der Medien gehabt und so viele Sympathiebekundungen des Publikums bekommen wie zurzeit. Gleichzeitig war ihre Existenz nie gefährdeter.

Zur Erinnerung: Ende Juli stellte die Kulturbehörde ihren Haushalt 2004 vor. Der Etat steigt, doch es gibt einen großen Verlierer. Die Zuwendung von 539.000 Euro für die 14 Hamburger Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive sollte komplett gestrichen werden. Erschrocken über lautstarke Proteste, kündigte die Behörde am 30. Juli an, ihren Erlass abzumildern: 133.000 Euro sollen alle 14 Einrichtungen im kommenden Jahr für Miet- und Betriebskosten erhalten. Wegfallen würden dagegen vor allem die Mittel für die sieben festen Stellen, die sich zwölf Mitarbeiter der Geschichtswerkstätten teilen.

Funktionieren könnte der Betrieb dennoch, glaubt die Kulturbehörde. Sie schlägt mehr Kooperation mit anderen Stadtteileinrichtungen vor und will die Archive stärker in den Bezirken verankern. Ähnliches stellt sich auch Gerd Hardenberg vor. Der kulturpolitische Sprecher der Schill-Fraktion will das starke ehrenamtliche Engagement in den Geschichtswerkstätten und das gesammelte Material in ihren Archiven erhalten. Doch mehr als die Basisfinanzierung hält auch er für nicht möglich.

Für Michael Joho, den ehrenamtlichen Leiter der Geschichtswerkstatt St. Georg und Sprecher der Stadtteilarchive, sind diese Vorschläge zu wenig. „Ohne die hauptamtlichen Kräfte wird es stark frequentierte Angebote wie den zentralen Bilderspeicher, die Stadtteilrundgänge, das Kinderprogramm oder die intensive Zusammenarbeit mit Schulen nicht mehr geben.“

Überdies seien die vorgeschlagenen Möglichkeiten der Kostenersparnis längst ausgeschöpft: „Räume, Sponsoren und Partner suchen wir seit Jahr und Tag. Anders als mit viel kostenloser Unterstützung wäre unser Betrieb nicht durchführbar.“ Und wer ernsthaft Kirchen als Kooperationspartner vorschlage, sei nicht mit der Situation vor Ort vertraut: „Die sind schon froh, wenn sie ihre Personal- und Raumsituation halten können und nichts abgeben müssen.“

Vor den Sommerferien haben die Geschichtswerkstätten großflächigen Protest angekündigt. Auftakt ist die Kundgebung am 19.8. auf dem Hansaplatz (Beginn 18 Uhr) – Motto: „Geschichte muss lebendig bleiben“. Es folgen zahlreiche Aktionen in den Stadtteilen noch vor der Sitzung des Kulturausschusses der Bürgerschaft Anfang September. Joho: „Bis dahin wollen wir so viel rotieren, dass es dem Senat schwer fällt zu sagen, es bleibt dabei.“

Inzwischen ist Michael Joho wieder etwas optimistischer als noch vor sechs Wochen: „Ich halte einiges für möglich. Die Korrektur der Behörde ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Die erste Bewegung von Kultursenatorin Dana Horáková soll nicht ihre letzte gewesen sein.“

Informationen zum Protestprogramm gibt Michael Joho, Tel. 0170/948 04 60; am 25. August findet um 19 Uhr in der Patriotischen Gesellschaft, Trostbrücke 4, eine Diskussion über Nutzen und Fördermöglichkeiten von Geschichtswerkstätten statt. Auf dem Podium sitzen u. a. Franklin Kopitzsch, Hans-Dieter Loose, Jürgen Mantell.

Die Geschichtswerkstätten:

  • Geschichtswerkstatt Barmbek e.V. (seit 1986): 2 feste, etwa 10 ehrenamtliche Mitarbeiter, 76 Mitglieder. Zuschuss (der Kulturbehörde): 85 000 Euro. Archiv: ca. 5000 Fotos, Interviews, heimatkundliche Bibliothek (von 1850 bis heute).
  • Kultur & Geschichtskontor Bergedorf e.V. (seit 1982): 3 feste, mehrere 100 ehrenamtliche Mitarbeiter, 60 Mitglieder. Zuschuss: 69 000 Euro. Archiv: historische Fotos, Postkarten, Stadtpläne. Eigene Bibliothek.
  • Stadtteilarchiv Bramfeld e.V. (seit 1983): 1 Festangestellte in Teilzeit, 7 ehrenamtliche Mitarbeiter, 11 Mitglieder. Zuschuss: 51 000 Euro.
    Archiv: Fotos, Kassetten mit Zeitzeugeninterviews, Karten. Klöntreffs und Rundgänge.
  • Geschichtsgruppe Dulsberg e.V. (seit 1986): keine festen Mitarbeiter, dafür 15 ehrenamtliche Mitglieder. Zuschuss: 2500 Euro. Archiv: Fotos, Zeitungsartikel (ab 1920), wissenschaftliche Arbeiten, eigene Bibliothek.
  • Geschichtswerkstatt Eimsbüttel e.V. (seit 1983): 1 fester Mitarbeiter, 15 ehrenamtliche, 69 Mitglieder. Zuschuss: 66 000 Euro. Archiv: über 5000 Fotos, Tonkassetten, Dokumente zur Stadtteilgeschichte, eigene Bibliothek.
  • Stadtteilarchiv Eppendorf e.V. (seit 1987): 2 feste und 5 ehrenamtliche Mitarbeiter, 30 Mitglieder. Zuschuss: 39 000 Euro. Kleines Foto- und Textarchiv. Außerdem eigenes Veranstaltungszentrum „Subbühne“ im Röhrenbunker.
  • Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt Fuhlsbüttel e.V. (seit 1988): 10 ehrenamtliche Mitarbeiter, 103 Vereinsmitglieder. Zuschuss: 25 000 Euro. Archiv: Fotos, Bücher und private Gegenstände, mehr als 1000 Bücher.
  • Stadtteilarchiv Hamm e.V. (seit 1987): 2 feste Mitarbeiter, etwa 12 ehrenamtliche, 100 Mitglieder. Zuschuss: 20 000 Euro. Archiv: ca. 20 000 Fotos, Zeitungsartikel. Bewirtschaftung des Bunkermuseums; Geschichtscafé (einmal im Monat).
  • Geschichtswerkstatt Horn (seit 1996): 13 ehrenamtliche Mitarbeiter, kein fester Zuschuss der Kulturbehörde. Einnahmen aus Spenden und Kalenderverkäufen. Archiv: ca. 2000 Fotos, Zeitungsartikel, alte Tagebücher.
  • Jarrestadt-Archiv (seit 1990): zwischen 4 und 6 ehrenamtliche Mitarbeiter. Zuschuss: 5000 Euro. Archiv: Fotos, Zeitschriften, Interviews. Eigene Bibliothek zur Stadtteilgeschichte.
  • Stadtteilarchiv Ottensen e.V. (seit 1980), untergebracht in der ehemaligen Ottenser Drahtstifte-Fabrik. 3 feste Mitarbeiter, 20 ehrenamtliche, 90 Mitglieder. Zuschuss: 118 000 Euro. Audio- und Videoarchiv mit Zeitzeugeninterviews, Firmennachlässe, Fotos.
  • Geschichtswerkstatt St. Georg e.V. (seit 1990): Zwischen 40 und 60 ehrenamtliche Mitarbeiter, 73 Mitglieder. Zuschuss: 6000 Euro. Archiv: ca. 1800 Fotos, Zeitungsberichte, historische Dokumente. Bibliothek mit ca. 5000 Büchern.
  • St.-Pauli-Archiv e.V. (seit 1987): 1 fester Mitarbeiter, 10 ehrenamtliche, 40 Vereinsmitglieder. Zuschuss: 26 000 Euro. Archiv: Fotos und Ansichtskarten, Tonkassetten mit Interviews. Bibliothek.
  • Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg (seit 1990), untergebracht im Kommunikationszentrum Honigfabrik. Zuschuss: 9000 Euro. Eine feste Mitarbeiterin, 30 ehrenamtliche, 150 Mitglieder. Fotoarchiv, literarische Barkassenfahrten, Straßentheater-Projekte.

Link: http://www.hamburger-geschichtswerkstaetten.de/

Quelle: Hamburger Abendblatt, 19.8.2003

Findbuch-Wegweiser für Scharnhausen

Wer in der Vergangenheit von Scharnhausen stöbern möchte, der hat nun eine Hilfe an der Hand. In einem Findbuch hat der Stadtarchivar Jochen Bender die Akten neu geordnet. Für den Stadtarchivar hat sich „die archivische Maulwurfsarbeit gelohnt“. Dabei hatte vor Jochen Bender eine Menge Mühe gestanden. Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Karin Hermann hat er sich durch 40 Meter Akten gewühlt und Blatt für Blatt durchgesehen – insgesamt haben die beiden etwa 250.000 Schriftstücke begutachtet, neu geordnet und verzeichnet. Entstanden ist dabei das 175 Seiten dicke Findbuch, das nun als Inhaltsverzeichnis des Aktenbestandes dient.

Bei der Katalogisierung mussten die beiden an verschiedenen Stellen suchen – der Dokumentenbestand war im Laufe der Zeit höchst unterschiedlich verwaltet worden. Manche Schriftstücke waren nur grob geordnet oder lediglich durch einen allgemeinen Aktenplan erschlossen. Das älteste Dokument aus Scharnhausen stammt aus dem Jahre 1652. Richtig jung in der Reihe historischer Dokumente nehmen sich dagegen Akten aus dem Jahr 1974 aus – auch sie sind von nun an im Findbuch zu finden.

Vor allem für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten der Stadtarchivar und seine Mitarbeiterin eine Informationsdichte feststellen, die so bisher nicht vermutet worden war. Interessierte können nach Themen im Findbuch in der Katalogisierung entweder über eine systematische Grobgliederung oder über ein Stichwortregister suchen.

Auch wenn das Findbuch für Scharnhausen nun fertig gestellt worden ist, dem Archivar und seiner Mitarbeiterin geht die Arbeit nicht aus. Kaum aufgetaucht aus den Dokumentenmetern, gehen die beiden wieder in den Aktenuntergrund. Das Aktenstudium in Ruit steht an. Und dort wollen 53 Meter Papier gesichtet und geordnet werden.

Das Findbuch ist im Stadtarchiv auf CD-Rom erhältlich. Außerdem ist der Katalog auch ins Internet gestellt worden.

Kontakt:
Stadtarchivar Jochen Bender
Klosterhof 10, Nellingen
73760 Ostfildern
Tel. 0711 3404-287
Fax 0711 3404-9287
E-mail: J.Bender@Ostfildern.de
http://www.stadtarchiv.ostfildern.de

Quelle: Stuttgarter Zeitung, 19.8.2003

Staatsarchiv Freiburg/CH zieht um

Ab sofort und voraussichtlich bis Januar 2004 ist das Staatsarchiv Freiburg geschlossen. Grund ist der Umzug der gesamten Institution vom Archivweg in die Zeughausstrasse. Betroffen sind neben dem Depotbestand mit einer Länge von rund sechs laufenden Kilometern auch die Büros und der Lesesaal.

Die Mitarbeiter des Staatsarchivs stehen ihrer Kundschaft nach Möglichkeit trotzdem zur Verfügung. Es gelten die bisherigen Anschriften:
Staatsarchiv Freiburg,
Archivweg 4,
1700 Freiburg;
E-Mail: ArchivesEtat@fr.ch
Tel.: 026 305 12 70.

Das genaue Datum der Wiedereröffnung ist noch nicht bekannt.
Es kann ab Dezember 2003 beim Staatsarchiv erfragt werden und wird im Internet (www.fr.ch/aef/de) und in der Presse bekannt gegeben.  

Quelle: Freiburger Nachrichten, 19.8.2003.

Endlich der erste Blick aufs Schloss

„Mit 17 Jahren wurde ich von meinen Eltern getrennt und ins Eisenwerk gebracht. Dort musste ich arbeiten und durfte das Lager und das Werk nicht verlassen.“ Der Autor des Briefs hat jahrelang in Brühl gelebt, aber weder das Schloss, noch die Innenstadt gesehen. Er ist einer von zwölf ehemaligen Zwangsarbeitern, die zusammen mit ihren Begleitern die Einladung der Stadt angenommen haben und im November nach über 50 Jahren Brühl besuchen. Nach Hürth ist Brühl die zweite Stadt im Erftkreis, die Zwangsarbeiter aus der Zeit des Nationalsozialismus eingeladen hat.

„Inzwischen kenne ich alle Namen und die Schicksale, die sich dahinter verbergen“, sagt Margret Reuter. Die Leiterin der Kulturabteilung hat gemeinsam mit Archivar Günter Deuster monatelang in den Archiven gewühlt, 626 Bücher mit Meldekarteien durchforstet, Briefe geschrieben und organisiert. Heute weiß sie, dass ein Franzose nach einem Aufenthalt in zwei Konzentrationslagern bei einem Friseur in Brühl unterkam.

„Dort wurde ich zum ersten Mal gut behandelt“, schreibt er in einem Brief. Nach kurzer Zeit habe er zur Familie gehört und dort sogar seine spätere Frau kennengelernt. Nicht alle Erinnerungen der Zwangsarbeiter, die in der Landwirtschaft, in Privathaushalten, im Gruhlwerk und im Eisenwerk tätig sein mussten, sind so positiv. Ein Ukrainer schreibt, er habe „hungrig, erkältet und fast nackt“ Gleise reparieren müssen.

Die Einladung geht auf einen Antrag der Grünen im Jahr 2001 zurück, der Rat beschloss 2002 eine Einladung auszusprechen, die im Herbst vergangenen Jahres verschickt wurde. „Zum Teil waren die Wege abenteuerlich, und die Post hat hervorragende Arbeit geleistet“, erzählt Reuter. Ein Brief nach Australien landete schließlich richtig beim nach Kanada verzogenen Adressaten. Der 81-Jährige wollte eigentlich aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen. Nachdem ihm Reuter jedoch ein Paket mit neuen Fotos und Unterlagen aus Brühl zugesandt hatte, entschloss er sich, doch zu kommen. Während die Reiseplanung der Gäste aus Polen, Kanada und Frankreich bereits feststeht, entwickelt sich der Besuch der größten Gruppe aus der Ukraine zunehmend zum Problem.

„Viele der Ukrainer, die bereits zugesagt haben, bekommen kein Visum, weil sie keinen Pass haben“, sagt Reuter. Das Geld für das Dokument könne aus Brühl bezahlt werden, aber viele Behörden weigerten sich schlicht, den Pass auszustellen. Außerdem müssten die Antragsteller persönlich nach Kiew reisen. „Wir denken im Moment darüber nach, einen Subunternehmer zu beauftragen, der vor Ort versucht, die Sache zu regeln“, berichtet Kulturdezernentin Elisabeth Hackstein. „Von hier aus sind wir machtlos. Wir hätten nicht damit gerechnet, dass in diesem Land so katastrophale Verhältnisse herrschen.“

Kontakt:
Stadtarchiv Brühl
Rathaus
Mühlenbach 65 
50321 Brühl
Telefon: 02232-79-266
Telefax: 02232-79-568
http://www.bruehl.de

Quelle: Kölnische Rundschau, 15.8.2003.

Planungen für Hamburger Auswanderer-Center stocken

Wer sich heute auf dem Gelände der früheren Auswandererstadt in Hamburg umsieht, die Albert Ballin von 1903 auf der Veddel errichten ließ, braucht viel Fantasie, um sich hier eine historisch fundierte Attraktion vorzustellen, die Jahr für Jahr mindestens 200.000 Besucher anziehen soll. Erhalten ist einzig eine Baracke, die nach oft wechselnder Nutzung in einem kläglichen Zustand ist.

Wer sich jedoch die Planungen für dieses Areal von Projektleiter Reinhard Wolf erklären lässt, der weiß, dass das Hamburg Emigration Center (HEC) keine Utopie ist. Der Senat hat der Stiftung Hamburg Maritim, deren Vorstandschef Wolf ist, das Gelände für ein Jahr anhand gegeben. Detaillierte Baupläne der Architekten Martin Förster und Karsten Trabitzsch liegen vor: Die alte Baracke soll saniert und als Schlafsaal von 1906 rekonstruiert werden. Hinzu kommen zwei Häuser, die den U-förmigen Grundriss aufnehmen und das alte Ensemble nachahmen. Eines dieser Gebäude soll eine Erlebniswelt bieten, für die es bereits ein Konzept von Holger von Neuhoff (Titanic-Ausstellung) gibt.

Das andere Gebäude würde als Archiv mit Service für die Ahnenforschung genutzt. Hier soll das Projekt „Link to Your Roots“ weiter betrieben werden, das die fünf Millionen Auswanderer der Hapag-Listen im Staatsarchiv online verfügbar macht. Die Zielsetzung ist klar: Hamburg will eine Attraktion nach Art von Ellis Island, um auch US-Touristen zu gewinnen. Fünf Millionen Euro sind als Investitionsvolumen veranschlagt. 2,2 Millionen stellen die Norddeutsche Affinerie, Hapag-Lloyd und die Hamburgische Feuerkasse in Aussicht. 600.000 Euro kämen von Stadt und Bund, 2,2 Millionen würden fremdfinanziert. Bedient werden sollen die Kredite aus den Mieterlösen. „Wir selbst können das HEC nicht betreiben“, sagt Wolf. Deshalb wurde mit drei Firmen verhandelt, die Erfahrung mit Themenparks haben. Doch keines wollte bislang einen kostendeckenden Betrieb garantieren. Die Stiftung gerät dadurch unter Zeitdruck. Bis Ende September läuft die Anhandgabe, dann soll Wolf dem Senat ein realisierbares Modell präsentieren. Andernfalls müsste über Alternativen nachgedacht werden. Gewiss ist, dass das HEC hohe Priorität für Bürgermeister Ole von Beust hat. „Dieses Projekt muss realisiert werden“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Freytag. „Ein Auswandererzentrum würde der Stadt den internationalen Auftritt verschaffen, den es bei Konkurrenzen wie der Olympia-Bewerbung braucht.“ Freytag will die Bürgerschaft zum Nachdenken über weitere Hilfen fürs HEC auffordern.

Quelle: Hamburger Abendblatt, 15.8.2003