Sorgen um Zürichs literarische Archive

Literaturarchive und Kantonsbibliotheken können davon ein Lied singen. Als Institutionen der öffentlichen Hand sind sie verpflichtet, die ihnen angetragenen Nachlässe nicht nur entgegenzunehmen, sondern auch zu archivieren. Doch zumal die Hinterlassenschaften namhafter Autoren werden häufig in eigens errichtete Stiftungen oder Archive eingebracht. Diese Unabhängigkeit garantiert eine tiefere Erschliessung des Nachlasses und eine publikumswirksamere Bewirtschaftung. Die Kostenfolgen und die damit verbundenen Probleme indessen bleiben dieselben.

In der Stadt Zürich befinden sich gleich vier solche literarische Juwelen: Sie sind öffentlich zugänglich, sie ziehen Forscher und Interessierte aus der ganzen Welt an, und sie haben alle – mehr oder weniger grosse – Geldsorgen. Auf Rosen gebettet ist keine dieser Institutionen, doch zumindest zwei sind nicht von akuten Nöten betroffen: Das Thomas-Mann-Archiv gehört der Eidgenossenschaft und ist der ETH Zürich angeschlossen. Die James-Joyce-Stiftung wiederum ist ein Sonderfall unter diesen Institutionen, da hier kein Nachlass verwaltet wird. Vielmehr versteht sich die Einrichtung als Forschungsstelle, die für Forscher und Interessierte aus aller Welt die wohl umfänglichste öffentlich zugängliche Joyce-Bibliothek Europas bietet. Die laufenden Kosten werden aus den Erträgen des von der ehemaligen Schweizerischen Bankgesellschaft und von zahlreichen weiteren Firmen einbezahlten Stiftungskapitals bestritten.

Das ebenfalls der ETH angegliederte, aber durch wenn auch bescheidene Erträge finanziell unabhängige Max-Frisch-Archiv wiederum versucht derzeit, seine Finanzierung auf eine solidere (sprich: grosszügigere) und vor allen Dingen längerfristig gesicherte Grundlage zu stellen. Aufgeschreckt hat indessen das Robert-Walser-Archiv, das Kronjuwel unter den Archiven, als es unlängst bekannt gab, dass ihm Ende Jahr die Zahlungsunfähigkeit und damit die Schliessung drohten. Inzwischen konnte, wie Bernhard Echte auf Nachfrage erläuterte, zumindest mit kleineren Zuwendungen (u. a. von der Stadt Zürich) das Überleben bis – vermutlich – Ende 2004 gewährleistet werden. Längerfristig aber müsste das Archiv einerseits eine solide Kapitalbasis erhalten, anderseits wünscht man sich einen Beitrag der öffentlichen Hand an die laufenden Betriebskosten.

Hier aber werden – nicht nur wegen leerer Kassen – weiträumig Skepsis und Unzuständigkeit signalisiert. David Streiff vom Bundesamt für Kultur sichert zwar jede denkbare moralische und ideelle Unterstützung zu, hat jedoch keine Handhabe, um über punktuelle Zuschüsse hinaus wiederkehrende Beiträge an die Betriebskosten auszurichten. Die Stadt Zürich wiederum hat zwar mit einem spontan überwiesenen Betrag dem Archiv etwas Luft verschafft, doch macht sie eine wiederkehrende Unterstützung in Form eines Standortbeitrages (der vom Gemeinderat bewilligt werden müsste) von einer Beteiligung des Kantons oder des Bundes abhängig.

Gleichzeitig fürchtet die Stadt, auf diesem Weg auch die Begehrlichkeiten der übrigen Institute aufzustacheln. Zumal Walter Obschlager, Leiter des Frisch-Archivs, möchte von der Stadt längerfristig eine Aussage darüber, was und wie viel ihr an einem in Zürich angesiedelten Max-Frisch- Archiv gelegen sei. Ein ähnliches Bekenntnis erhofft man sich indes auch im Strauhof, wo die James-Joyce-Stiftung bei der Stadt eingemietet ist. Auf April 2004 muss die Stiftung dort eine drastische Mieterhöhung hinnehmen, und sie hat ausserdem zu gewärtigen, dass nach Ablauf einer dreijährigen Übergangsfrist die Miete noch einmal kräftig angehoben wird, was dann freilich nach Aussage von Fritz Senn an die Substanz gehen und Einschränkungen im Betrieb erforderlich machen würde.

Derweil winkt man aus dem Walser-Archiv mit dem Zaunpfahl: Man solle nicht denken, der Nachlass ginge, wenn die Neuordnung der finanziellen Grundlage scheitern sollte, an die Zentralbibliothek Zürich (ZB) oder an eine andere öffentliche Institution in der Schweiz. Man werde dann in Ruhe die Situation analysieren und den Nachlass in jenes Archiv einbringen, das die besten Arbeits- und Rahmenbedingungen für die weitere Erforschung von Walsers Hinterlassenschaft bietet. Selbstredend erwartet man gerade dies von einer Schweizer Bibliothek nicht. Doch wirkt es recht befremdend, wenn nun Walsers Nachlass als Druckmittel gegen die öffentliche Hand verwendet werden soll, nachdem das Bundesamt für Kultur vor vier Jahren mit einer beträchtlichen Summe zum Ankauf bedeutender Walseriana aus der Hinterlassenschaft des Zürcher Antiquars Jörg Schäfer und damit zu einer gewichtigen Arrondierung des Archivs beigetragen hatte.

Mit Blick auf die prekäre Situation aller Archive (das Thomas-Mann-Archiv vielleicht ausgenommen) dürfte längerfristig ein Projekt aus dem Präsidialdepartement der Stadt Zürich von Interesse sein. Dort hat man sich im Zusammenhang mit dem Kulturleitbild Gedanken gemacht über ein städtisches Literaturmuseum. Im Rahmen eines solchen Museums könnte dann wieder eine Idee aufgenommen werden, die früher bereits verschiedentlich diskutiert, aber nie energisch genug konkretisiert worden war: die Zusammenführung der bedeutenden literarischen Archive in einem Haus mit gemeinsamer Infrastruktur bei gleichzeitiger Wahrung der Unabhängigkeit. Sowohl das Walser- wie das Frisch-Archiv hatten sich jeweils gegenüber solchen Überlegungen interessiert gezeigt, und auch die Joyce-Stiftung wäre inzwischen grundsätzlich nicht abgeneigt. Ein solches Museum hätte dann nicht nur einen soliden Grundstock – es böte ausserdem eine hervorragende Plattform für die Präsentation der in den Archiven schlummernden Schätze. Das freilich ist Zukunftsmusik – inzwischen gilt es die akuten Probleme zu lösen. Und sei es, horribile dictu, dass Walser in der ZB überwintern müsste.

Zürichs literarische Archive:

  • Robert-Walser-Archiv
    Zweck: Betreuung, Erschliessung und Erforschung des Nachlasses von Robert Walser sowie weiterer Schriftstellernachlässe.
    Anzahl Stellen: 1,1 (angestrebt: 3).
    Finanzierung: 100 000 Franken jährlich durch Rechteverwertung und etwa 70 000 Franken aus Stiftungskapital. Das Stiftungskapital ist durch die jährlichen Defizite aufgezehrt worden. Das deshalb ausgearbeitete Sanierungskonzept sieht einen Ausbau des Archivs auf 3 Vollzeitstellen vor mit einem Budget, das sich wie folgt zusammensetzt: 100 000 Franken durch Rechteverwertung / 300 000 durch Zuwendungen Dritter. Provisorisch in Aussicht gestellt wurden bisher rund 50 000 Franken, ein Betrag, der den Betrieb bis Ende 2004 sichern würde. Die von der Stadt zugesagten 25 000 Franken decken das Defizit 2003.
  • Thomas-Mann-Archiv
    Zweck: Betreuung, Erschliessung und Erforschung des Nachlasses von Thomas Mann.
    Anzahl Stellen: 2,2 (zuzüglich einer befristeten und durch Drittmittel finanzierten Stelle).
    Finanzierung: Fixkosten (Löhne, Miete) durch ETH Zürich gedeckt, zuzüglich 36 000 Franken frei verfügbar.
  • Max-Frisch-Archiv
    Zweck: Betreuung, Erschliessung, Erforschung und Edition des Nachlasses von Max Frisch.
    Anzahl Stellen: 0,5 bis 1 (abhängig von den Stiftungserträgen und Drittmitteln).
    Finanzierung: Erträge der Max-Frisch-Stiftung (zirka 60 000 Franken jährlich); Miet- und Infrastrukturkosten durch die ETH gedeckt.
  • James-Joyce-Stiftung
    Zweck: Pflege und Erforschung des Werks von James Joyce, kein Nachlassarchiv.
    Anzahl Stellen: 2,6.
    Finanzierung: Erträge des Stiftungskapitals (etwa 7 Millionen Franken).

Quelle: NZZ, 26.11.2003

Stadtarchiv Münster öffnete seine Pforten

Nach 25 Jahren der Unterbringung im Lotharinger Kloster ist das Stadtarchiv Münster in ein neues Gebäude in die Speicherstadt Nord in Münster-Coerde umgezogen. Die neue Adresse lautet „An den Speichern 8“ (Link).

Mit einem Tag der offenen Tür wurde das „neue“ Gedächtnis der Stadt am 22. November 2003 der Öffentlichkeit vorgestellt. In einer Festveranstaltung überreichte der Aufsichtsratsvorsitzende der Westfälisch-Lippischen Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH (WLV), Dr. Wolfgang Kirsch, den Schlüssel an Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann, der ihn direkt an den Ltd. Archivdirektor Prof. Dr. Franz-Josef Jakobi weiterreichte. Nach dem Festakt besichtigten weit über 1.000 Gäste die neuen Archivräume.

„Die neuen Räume bieten den Nutzern des Archivs verbesserte Arbeitsmöglichkeiten. Auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergeben sich viele Vorteile“, erklärte der Leiter des Stadtarchivs die Vorzüge des Umzuges. Gewünschte Archivalien können viel schneller als bisher eingesehen werden, weil alle Akten an einem Ort zusammengeführt sind. Im neuen großzügig gestalteten Lesesaal stehen jetzt 15 Arbeitsplätze zur Verfügung.

Drei Benutzer-PC unterstützen die schnelle Recherche. Lesegeräte, an denen Mikrofilme eingesehen werden können, sind gesondert aufgestellt, so dass die anderen Nutzer dadurch nicht gestört werden. Alle Arbeitsplätze befinden sich in direkter Nachbarschaft zur Bibliothek. Kurze Wege für die Gäste eines Stadtarchivs ohne Enge. Für Veranstaltungen aller Art kann ein moderner, multimedial ausgestatteter Seminarraum genutzt werden.

Nach nur knapp einem Jahr Bauzeit konnte die WLV als Bauherrin der Stadt eine Gesamtfläche von rund 2250 Quadratmetern, davon über 600 Quadratmeter Magazinfläche, übergeben. Die WLV hat das alte Speichergebäude nach den Bedürfnissen des Stadtarchivs umgebaut und eingerichtet und vermietet das Gebäude für zunächst 30 Jahre an die Stadt.

Parallel läuft seit etwa drei Wochen der eigentliche Umzug. Die Büros und die Werkstatt sind schon umgezogen. Auch die Bibliothek mit 15 000 Büchern und die Sammlungsbestände mit Tausenden von Fotos, Karten, Plakaten und Postkarten sind bereits in Coerde untergebracht. Der Umzug der Bestände in die rund 34 000 Kartons fassende neue Regalanlage ist jedoch noch nicht ganz abgeschlossen. Die Archivalien füllen nach Abschluss der Umzugsarbeiten drei laufende Regal-Kilometer.

Neu sind ab 25. November auch die Öffnungszeiten im Stadtarchiv: Dienstags und mittwochs ist von 10 bis 17 Uhr geöffnet, donnerstags von 10 bis 18 Uhr und freitags von 10 bis 13 Uhr. Zur Zeit ist das Stadtarchiv mit den Buslinien 8, 9 und R51 zu erreichen. Mit dem nächsten Fahrplanwechsel wird es zusätzlich eine eigene Haltestelle in der Speicherstadt geben.

Eine kleine Fotogalerie vermittelt einen ersten Eindruck von den neuen Räumlichkeiten.

Quelle / Kontakt / Info:
Anja Gussek-Revermann
Stadtarchiv Münster
An den Speichen 8
48 157 Münster
gussek@stadt-muenster.de
Tel.: 02 51-4 92-47 12 oder 47 04
archiv@stadt-muenster.de

Freiberg: Ein Angriff auf Kulturerbe

Raymond Plache kann es kaum fassen. Mit der Forderung des Landesrechnungshofes den Bestand an Archivgut deutlich zu reduzieren, sieht der Leiter des Bergarchivs Freiberg wertvolle Bestände gefährdet. Er spricht von einem „beispiellosen kulturrevolutionären Angriff auf ein national und international bedeutsames Kulturerbe, das von der sächsischen Verfassung geschützt ist“.
Werden Bestände vernichtet, könnte das nicht nur bei Forschungen, sondern auch bei Arbeiten von Unternehmen fatale Folgen haben, glaubt Plache. Beispiele seien Bergbrüche oder die beim Hochwasser 2002 entstandene Gefährdung des Rothschönberger Stollns. Alte Unterlagen würden helfen die Situation unter Tage nachvollziehbar zu machen, um Maßnahmen einleiten zu können. „Rund 106.000 Karten, Pläne und Risse lagern im Bergarchiv, aus denen der Verlauf der Stolln, Strecken und Schächte, Erzgänge oder Flöze hervorgeht“, erklärt Plache. Der älteste bergmännische Originalriss stammt von 1573, die älteste Karte aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Die empfohlene Reduzierung würde die erst 2002 vom sächsischen Innenministerium vorgelegte Archivkonzeption zu Makulatur machen. Von Bestandserhaltung und Schaffung entsprechender Unterbringungsmöglichkeiten für die Staatsarchive in Dresden, Chemnitz und Freiberg ist da die Rede.

„Natürlich platzt das Bergarchiv mit den zwei Stellen am Fuchsmühlenweg und an der Kirchgasse bei fast fünf Kilometer Akten und Amtsbüchern aus allen Nähten, lagert wertvolles Kulturgut schon in den Gängen. Eine Chance wäre die Unterbringung im Schloss Freudenstein, die zur Zeit geprüft wird“, meint Plache. Die Flut von Neuzugängen in den vergangenen zehn Jahren resultiere daher, dass nach der Wende Übernahmen sowie Sicherungen von archivwürdigem Schriftgut anstanden sind, die sonst erst nach Ablauf der behördlichen Aufbewahrungsfristen bis 2020 an die Staatsarchive gegangen wären.

Hierbei sei die Auswahl nach gleichen wissenschaftlichen Kriterien erfolgt wie bei allen Beständen, so dass es „archivierungsunwürdiges“ Gut, wie es im Rechnungsprüfungsbericht heißt, gar nicht gebe. „Mit den kulturpolitisch wie archiv-wissenschaftlichen absurden Argumentationen des Landesrechnungshofes wird die Kompetenz eines ganzen Berufsstandes, der weltweit nach gleichen wissenschaftlichen Grundsätzen arbeitet, in Zweifel gezogen“, empört sich Plache, der in einem deutschlandweit einmaligen Archiv Sachwalter über schriftliche Überlieferungen der Bergverwaltungen sowie Bergbau- und Montanbetriebe Sachsens ist. Das älteste Dokument des 1968 gegründeten Archivs stammt von 1477.

Vorsichtig zieht Plache einen Ordner aus dem Regal. „Den zehnten Erlass bei der St. Francisci-Zeche zu Platten in Böhmen betreffend“ ist darauf zu lesen, ein Dokument des Oberbergamtes von 1781. Bestände der früheren Oberberg- und Bergämter bilden auch den Kern der staatlichen Überlieferung im Freiberger Archiv. Hinzu kommen rund 72.000 Fotos, gedruckte und handschriftliche Bergordnungen und Chroniken sächsischer Bergstädte.

Pro Jahr zählt das Bergarchiv zwischen 1.200 und 1.600 Benutzungen aus wissenschaftlichen Einrichtungen wie der Bergakademie, aber auch Heimatgeschichtsforscher, Denkmalpfleger und Unternehmen nutzen die Unterlagen. „Die Arbeit der Montanunternehmen im Freiberger Raum, die sich im Geokompetenzzentrum zusammengeschlossen haben, würde bei einer Umsetzung der Rechnungshofempfehlungen behindert“, ärgert sich der Chef des Bergarchivs. Unterstützung erhalten die Archive aus dem Innenministerium. An der bisherigen Konzeption nämlich soll laut Joachim Anlauf von der Pressestelle festgehalten werden. Schließlich sei die Lagerung einmaliger Kulturgüter ein „Verfassungsauftrag, der nicht aufgegeben wird“.

Kontakt:
Sächsisches Bergarchiv Freiberg
Kirchgasse 11
09599 Freiberg
03731/372-250
03731/372259

Fuchsmühlenweg 7
09599 Freiberg
03731/30079-0

e-mail für beide Häuser:
bergafg@archive.smi.sachsen.de

Quelle: Freie Presse online, 24.11.2003

Bielefelder Stadtarchivarin erhielt Gustav-Engel-Preis

Das Thema schien auf das Wochenende des Totensonntags hin geschrieben zu sein. Bärbel Sunderbrink hatte sich mit der „sozialhistorischen Bedeutung von Friedhofsverlegungen im 19. Jahrhundert am Beispiel Minden-Ravensberg“ befasst. Am Samstag wurde sie für ihre Magisterarbeit an der Fern-Universität Hagen vom Historischen Verein für die Grafschaft Ravensberg mit dem Gustav-Engel-Preis ausgezeichnet.

Gustav Engel war viele Jahre Leiter des Bielefelder Stadtarchivs sowie Vorsitzender und Ehrenvorsitzender des Historischen Vereins. Seit 1990 wird der mit 2.000 Euro dotierte Preis für den geschichtswissenschaftlichen Nachwuchs vergeben.

Bärbel Sunderbrink, 1966 in Bad Oeynhausen geboren, ist die 15. Preisträgerin. Nach dem Abitur am dortigen Immanuel-Kant-Gymnasium absolvierte sie über einen vorherigen Umweg den Vorbereitungsdienst für den gehobenen Archivdienst beim Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf und besuchte gleichzeitig die Archivschule in Marburg.

Die diplomierte Archivarin arbeitet seit 1990 im Bielefelder Stadtarchiv, weshalb sie mehr als alle vorherigen Preisträger vielen Mitgliedern des Historischen Vereins bekannt ist. Dass sie bei ihnen besondere Wertschätzung gefunden hat, zeigte sich bei der Preisverleihung. Selten zuvor war die Veranstaltung im großen Saal des Neuen Rathauses so gut besucht wie am vergangenen Samstag.

Sunderbrink hat sich auch in ihrer Freizeit der Bewahrung historischer Zeugnisse gewidmet. So gehört sie zu den Gründern des Museums Wäschefabrik an der Viktoriastraße. Eberhard Delius, Vorsitzender des Historischen Vereins, erwähnte in seiner Laudatio aber auch eine „Ko-Autorin“ ihrer Arbeit. Vor drei Monaten wurde ihre Tochter Emma Elise geboren.

Kontakt:
Stadtarchiv Bielefeld
Rohrteichstraße 19
33602 Bielefeld
Tel. 0521/51 24 71
Fax 0521/51 68 44
E-Mail: stadtarchiv@bielefeld.de

Quelle: Neue Westfälische, 24.11.2003

Zeitdokumente über die Eroberung Aachens 1944

Das Bild sagt mehr als tausend Worte: In einem amerikanischen Jeep steht ein deutscher Oberst. Vor ihm angetreten ein Haufen Elend. Es ist 12 Uhr mittags, das Datum ist der 21. Oktober 1944. Die Szene um den deutschen Kommandanten Gerhard Wilck spielt sich in der Aachener Rolandstraße ab. – Es ist das Ende, die Kapitulation. Die Männer wandern in Gefangenschaft, der Chef spricht Abschiedswort. Der Krieg ist für sie aus, der Kampf um Aachen beendet. Amerikanische Soldaten haben die Szene fotografisch festgehalten.

Jetzt wird das Foto mit vielen anderen Zeitdokumenten erstmals veröffentlicht. «Halten bis zum letzten Mann» heißt das Buch, das seit einigen Tagen auf dem Markt ist und den Kampf um Aachen im Herbst 1944 schildert.

Der Autor Dieter Heckmann, der wegen seiner guten militärhistorischen Kenntnisse von dem Aachener Großraum bestens bekannt ist, hat versucht, vor allem durch Zeitzeugenberichte die Situation im Herbst 1944 zu schildern. Er stützte sich meist auf die Aufzeichnungen des Aachener Geschichtsvereins.

Dieser hatte in den Jahren 1950 bis 1955 in seinen Broschüren viele Berichte von Zeugen veröffentlicht. Vor allem Bernhard Poll hinterließ wertvolle Erkenntnisse, die Dieter Heckmann sichtete. In den frühen Nachkriegsjahren fehlte jedoch das dokumentierende Bildmaterial.

Durch die Öffnung amerikanischer Archive fiel Dieter Heckmann jetzt eine große Menge Fotos in die Hände. Sie stammen auch aus dem Besitz vieler US-Veteranen, die 1944 in der Division «Big Red One» unter dem General Clarence Huebner die Kaiserstadt eroberten. Aber auch durch die Vermittlung des «Remember»-Museums im belgischen Clermont, das nach Aussage von Dieter Heckmann über gute Verbindungen zu amerikanischen Ex-Offizieren verfügt, gelang der Autor in den Besitz seltener Bilder und Informationen.

Heckmann lässt viele Zeitzeugen zu Wort kommen, so auch den ehemaligen Aachener Oberpfarrer Wilhelm Nusselein und den Theologen Professor Rehmann. Sie alle gaben einen guten Einblick in die damalige Situation der Stadt.

Dieter Heckmann, der auch der einzige deutsche Führer im Lütticher Festungsgürtel ist und eindrucksvoll dort die Geschichte schildern kann, möchte mit seinem Buch, das im Aachener Helios-Verlag erschienen ist, vor allem auf den Wahnsinn des Krieges hinweisen und jungen Generationen klarmachen, dass «Friede einer der wichtigsten Aspekte im harmonischen Zusammenleben der Völker ist».

Quelle: Aachener Zeitung, 24.11.2003

Zwei Kilometer Akten für die Bürger

In der kommenden Woche treffen sich in der Villa Clementine 30 Archivare von Land, Kommunen und kirchlichen Einrichtungen. Sie gehören dem im Juni gegründeten Landesverband Hessen im VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (Info) an. Im Vordergrund steht die Einrichtung einer Beratungsstelle für Gemeinden, die nicht über eigene Archive verfügen. Gastgeberin ist Dr. Brigitte Streich, Leiterin des Wiesbadener Stadtarchivs und Vorsitzende des Landesverbands. 

Zwei Kilometer Akten stehen derzeit im Stadtarchiv für den „Kunden“ zur Verfügung. Sie können von Bürgern eingesehen werden, zwei weitere Kilometer harren der Aufbereitung. Und täglich gehen neue Unterlagen ein. Brigitte Streich: „Akten, Dokumente, Briefe kommen von allen Ämtern der Stadt zu uns, auch Unterlagen der städtischen Eigenbetriebe.“ Aufgabe des Stadtarchivs ist es, Handeln und Arbeitsweise der Behörde zu dokumentieren.

„Nur fünf bis zehn Prozent aller Akten werden von uns übernommen, aufbereitet und archiviert“, schränkt die Leiterin des Stadtarchivs ein. Der Aktenberg soll überschaubar bleiben. „Nicht aufbewahrt werden zum Beispiel Bußgeldbescheide.“ Keinesfalls zu bewältigen wären auch die Unterlagen über Sozialhilfe. „Da haben wir uns darauf geeinigt, Samstagsgesprächexemplarisch alle Akten von Personen zu verwahren, deren Name mit einem bestimmten Buchstaben beginnt,“ beschreibt Brigitte Streich die raumsparende Lösung des Problems.

Ihre Arbeit leisten die Archivare in Etappen: Prüfung des angebotenen Schriftguts, Übernahme, Aufbereitung, Bereitstellung für die Öffentlichkeit. Dabei gilt es eine Reihe von Vorschriften zu beachten. Datenschutz und Archivgesetz geben den Rahmen vor. So dürfen Personalakten erst 30 Jahre nach dem Tod des Betroffenen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Die Arbeit des Stadtarchivs ist nicht auf die Stadtverwaltung beschränkt. Oft bieten Bürger private Unterlagen oder Fotosammlungen an. Häufig, so die Archivarin, sorgen Testamente für eine Bereicherung des Bestands. Auch Politiker überlassen gelegentlich dem Stadtarchiv Unterlagen über ihr Wirken.

Das Stadtarchiv ist bemüht, alle Wünsche von Besuchern zu erfüllen. Dabei ist mitunter wahre Detektivarbeit zu leisten. Brigitte Streich nennt zwei Beispiele. Da wollte ein Mann dem Verdacht nachgehen, seine Geburt der NS-Einrichtung „Lebensborn“ zu verdanken. Sein Wunsch war es, seine Eltern ausfindig zu machen.

Fall zwei: Ein alter Herr, unehelich geboren, suchte nach seiner Familie. Die Mutter war vor 1933 verstorben, der Sohn wurde später adoptiert. Wegen seiner jüdischer Vorfahren gaben die Adoptiveltern den Jungen ab, er landete mit acht Jahren auf einem Bauernhof. Die Suche nach dem leiblichen Vater blieb ohne Erfolg, gefunden wurde hingegen die Adoptivfamilie.

Gute Kunden des Stadtarchivs sind Bürger, die sich der Heimatkunde widmen oder an einer Chronik ihrer Familie arbeiten. „Manchmal wollen Leute, die ein altes Haus gekauft haben, auch die Geschichte dieses Anwesens erforschen“, schildert Brigitte Streich die Anliegen der Besucher. Dazu gehören mitunter auch ganze Schulklassen, die Aufträge ihrer Lehrer umsetzen wollen – etwa die Aufklärung von Schicksalen während der NS-Zeit.

Der Service für den Bürger ist offenkundig. Das kommunale Archiv verhilft ihm zu Nachweisen für andere Behörden, erleichtert häufig Aufklärung von Grundstücksangelegenheiten. Bei der Ausweisung von Baugebieten kann ein gut geführtes Archiv Aufschluss über Altlasten im Boden geben.

„Das Archiv ist ein Kristallisationspunkt für die Identifikation mit der Gemeinde“, offenbart die Leiterin des Stadtarchivs. Dennoch hat eine Umfrage bei 400 Kommunen ergeben, dass nur jede fünfte Gemeinde über Archive verfügt, die von hauptamtlichen Kräften betreut werden. Jeweils 25 Prozent setzten für diese Aufgabe nebenberufliche oder ehrenamtliche Helfer ein, gut ein Viertel der Kommunen glaubt ohne Archive auszukommen.

Dort existieren lediglich Registraturen – nicht für die Öffentlichkeit aufbereitete und zugängliche Aktensammlungen. Staatsarchive können einspringen, die Gemeinden durch Übernahme und Betreuung von Unterlagen entlasten. Hilfe soll auch die Beratungsstelle leisten, über deren Aufbau die Archivare am 26. November in Wiesbaden beraten werden.

Kontakt:
Stadtarchiv Wiesbaden
Im Rad 20
65197 Wiesbaden
Telefon:  0611 / 31-3329, 31-3747, 31-5429 
Fax:  0611 / 31-3977 
stadtarchiv@wiesbaden.de

Quelle: Wiesbadener Tagblatt, 22.11.2003

Hanauer Ausstellungen locken mit Raritäten

„Wir können Sachen zeigen, die es in Hanau lange nicht zu sehen gab,“ so machte Dr. Anton Merk, Leiter der Hanauer Museen, gestern Appetit auf zwei Sonderausstellungen mit denen zwei stadtgeschichtliche Jubiläen im Historischen Museum Schloss Philippsruhe ausklingen. Am heutigen Samstag öffnet im Erdgeschoss die Schau „700 Jahre Altstadt Hanau“ (Info), am morgigen Sonntag in der Museumsgalerie die Ausstellung „400 Jahre Jüdische Gemeinde in Hanau“ (Info) (jeweils 16 Uhr).

Der Titel der Ausstellung über jüdisches Leben in Hanau hat gestern für Irritationen gesorgt. Der Titel, der auf den Einladungskarten und einer städtischen Werbebroschüre abgedruckt ist, impliziere, dass es eine jüdische Gemeinde heute noch in Hanau gibt, sagte gestern bei einer Präsentation der beiden Ausstellungen Stadtrat Rolf Frodl. Die jüdische Gemeinde war durch nationalsozialistischen Terror spätestens 1942 ausgelöscht. Den in einer Auflage von 5.000 Exemplaren gedruckten Werbe-Flyer hat Frodl gestern eingezogen, auch, weil im Text die Passage enthalten war, Hanau sei an der nationalsozialistischen Machtergreifung „nicht beteiligt“ gewesen. Das sei ein „nicht hinzunehmender Satz,“ sagte Frodl. Der Text der Werbebroschüre sei mit der Leitung des Fachbereichs Kultur nicht endabgestimmt gewesen. Korrekt heißt das Jubiläum „400 Jahre Judenstättigkeit“, bezieht sich auf den Erlass, mit dem Graf Philipp Ludwig Juden in seiner Stadt ansiedelte.

Die 400 Jahre alte Originalurkunde, die üblicherweise im Staatsarchiv in Marburg lagert, ist eines der Kernstücke der Ausstellung. Ziel der Präsentation sei zu zeigen, wie integriert und prägend das Leben der jüdischen Gemeinde in Hanau gewesen ist. Die Gemeinde habe herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht, die der Bedeutung und dem Ansehen Hanaus in außerordentlicher Weise gedient hätten, sagte der Kulturdezernent.

Zu diesen Persenönlichkeit zählt der 1800 im Hanauer Getto geborene Maler Moritz Daniel Oppenheim. Nach einem Tipp aus den Reihen der Hanauer Märtesweinvereinigung ist es gelungen, ein weiteres Bild des Künstler für das Museum anzukaufen. Das Werk „Maria und Anna im Garten“ sei eine Rarität, das erste bekannte Gemälde aus der italienischen Zeit Oppenheims, so Merk. Aus den ersten beiden Jahren, die der junge Oppenheim in Italien verbrachte, sind bisher lediglich Ölskizzen und Zeichnungen bekannt gewesen. Oppenheim sei einer der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts. Sein Zyklus mit Bildern aus dem altjüdischen Familienleben bringt in der Ausstellung jüdische Riten und Gebräuche den Besuchern nahe.

Der jüdische Ritus spiele sich weniger in der Synagoge, als vielmehr in den Familien ab, sagte Merk. Dazu sind eine Reihe von Kultgegenständen wie Leuchter und Schalen erforderlich, deren Herstellung bis heute ein Arbeitsfeld der traditionsreichen Hanauer Silberschmieden ist. Auf Vorbildern des 19. Jahrhunderts fußende aktuelle Stücke sind in Schloss Philippsruhe zu sehen. Ein Raum ist der Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Hanau gewidmet. Weitgehend unkommentiert lässt das Museum die auf und vor dem Hanauer Bahnhof aufgenommenen Fotos von der Deportation Menschen jüdischen Glaubens wirken.

Ein alte Urkunde steht auch im Mittelpunkt der Ausstellung „700 Jahre Altstadt„: Das ebenfalls als Leihgabe aus Marburg zu sehende Original des Stadtrechtsprivilegs von 1303. Mit Plänen, Bildern, Modellen und Fundstücken zeichnet die Ausstellung die Geschichte der Hanauer Altstadt nach von der Burg bis zur Zerstörung am 19. März 1945. Erstmals präsentiert werden Fundstücke, die bei Bauarbeiten rund um den Congress Park, den Standort der ehemaligen Burg Hagenowe, zu Tage kamen, Scherben sowie Gräber aus dem Dreißigjährigen Krieg.

In der Reihe „Sonntags um 3“ gibt es morgen um 15 Uhr eine Führung durch die Sonderausstellung, die sich im Schwerpunkt mit der Altstadt und ihrer Umgebung in Plänen und Ansichten befasst.

Beide Ausstellungen werden vom Museum gemeinsam mit dem Hanauer Geschichtsverein getragen. 80 Prozent der Stücke der Altstadt-Ausstellung sind Eigentum des Vereins. Die Altstadtausstellung ist bis 14. März zu sehen, „400 Jahre Judenstättigkeit“ bis 4. Januar.

Schloss Philippsruhe – Anfahrt:
Mit dem PKW: BAB (A3) Ausfahrt Hanau, B 43.
BAB (45, 66), Ausfahrt Hanau, Hanauer Kreuz (A 66) Ausfahrt Hanau Nord. Mit der Bahn:
Hauptbahnhof: (S8), dann Buslinie 10 bis Schloß Philippsruhe. Westbahnhof: (Regionalbahn 55) Buslinie 1/10 bis Schloß Philippsruhe

Quelle: Offenbach-Post, 22.11.2003

Kennedy-Akten bis 2038 unter Verschluss

40 Jahre nach dem Attentat auf John F. Kennedy in Dallas ist das Geheimnis um seine Mörder und Hintermänner verstrickt wie ein Gordischer Knoten, und die Wahrheit wird – wenn überhaupt – wohl erst im Jahr 2038 ans Licht kommen, wenn die in den amerikanischen National Archives unter Verschluss bewahrten Dokumente ans Licht kommen. Auch die jährlich in Dallas stattfindende Attentats-Konferenz „November in Dallas“ mit mehr als 700 Teilnehmern – Detektive und Geschichtsforscher aller Art – dürfte wenig neue Erkenntnisse bringen.

Schon die Auswahl der Vortragenden der Dallas Konferenz und deren Themen zeigen, dass es selbst seriöse Geschichtsforscher nicht verstehen, die Spreu an Informationen vom Weizen zu trennen. Dick Russell, Journalist und Autor des Buches „Der Mann, der zu viel wusste“, spricht über Richard Case Nagell und dessen Kontakte mit Lee Harvey Oswald, der kurze Zeit nach dem Attentat verhaftet, zwei Tage später im Polizeigewahrsam von Dallas vom Nachtlokalbesitzer Jack Ruby erschossen und später von der Warren-Kommission als einziger Täter bezeichnet wurde. Nagell, ein mit Sternen dekorierter Held des Koreakriegs, hatte während des Kriegs schwere Kopfverletzungen erlitten. Ein Armeepsychiater stellte fest, dass „Nagells Urteil und Realitätsvermögen schwer gestört“ war.
Ein anderer Gast der Konferenz ist der britische Autor Matthew Smith, dessen Thema mehr Gewicht hat: Infolge der Wende der US-Außenpolitik nach Kennedys Tod, dem verstärkten Einsatz im Vietnam-Krieg, konnte die amerikanische Waffenindustrie und Wirtschaft einen Mehrumsatz von 200 Milliarden US-Dollars erzielen. Womit wir auch schon mitten in den Verschwörungstheorien sind: Die Lobby der Waffenindustrie hätte den Mord in Auftrag gegeben und auf Kennedys Nachfolger, Lyndon B. Johnson, starken Druck ausgeübt, die Kennedy-Entscheidung, tausend Soldaten aus Vietnam abzuziehen, zu revidieren, bzw. den Krieg auszuweiten.

Dass Johnson selbst Teil der Verschwörung war, die 1979 von einer weiteren staatlichen Untersuchungskommission, des House Select Commitees on Assassinations, außer Zweifel gestellt wurde, ist ziemlich unwahrscheinlich. Johnsons Verhalten, das C. David Heymann, Autor der Biographie des 1968 ermordeten Präsidenten-Bruders Robert F. Kennedy, minutiös nachgezeichnet hat, trug eher skurille Züge als die eines Staatsmanns, der zum Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeschworen wird. „Sie werden uns alle umbringen“, soll Lyndon B. Johnson beim Abflug der Airforce One von Dallas laut Zeugenaussagen gejammert haben, „sie werden das Flugzeug abschießen, sie werden uns umbringen.“ Dann soll er sich ins Klo des Jets eingeschlossen haben.

Robert Kennedy, Erster Staatsanwalt der Regierung Kennedy, verdächtigte von Anfang an die Mafia, hinter dem Attentat zu stehen, und nannte sogar Namen. Obwohl die Mafia durch große Wahlspenden zum Sieg John F. Kennedys über Richard Nixon 1960 beigetragen hatte, wurde sie von Robert Kennedy unbarmherzig verfolgt. Der Oberste Staatsanwalt ordnete sogar eine Geheimoperation an, Mafiaboss Marcello entführen und nach Guatemala bringen zu lassen. „Sie haben den Falschen umgebracht“, sagte er. Auf die Mafia deuten auch die Aussagen von Rose Cheramie hin, einer ehemaligen Tänzerin in Jack Rubys Nachtlokal, die auf der Fahrt nach Dallas von zwei Südländern aus dem Auto geworfen worden war und den Mord an Kennedy exakt vorausgesagt hatte. Leider wurde sie nicht ernst genommen.
Die Untersuchungen von Jim Garrison, des aufrechten Staatsanwalts von New Orleans, wo die Fäden von Oswald, Ruby und Rechtsradikalen zusammenliefen, wiesen auf eine starke Verstrickung des US-Geheimdienstes CIA in den Anschlag hin. Als Garrison Robert Kennedy in einem Telefonat auf diese Verbindungen hinwies, meinte Kennedy nur, dass das seinen toten Bruder auch nicht mehr aufwecken könnte. Er war, so hielt Heymann in der RFK-Biographie fest, offenbar selbst nicht an einer alles aufdeckenden Untersuchung interessiert, möglicherweise, um die Krankheit und die Rückenleiden seines Bruders nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, möglicherweise, um wegen der Verbindungen der Kennedys zur Mafia seine eigenen Chancen auf das Präsidentenamt nicht zu gefährden.

So wird der Kennedy-Mord ein Rätsel bleiben – bis 2038, solange die Kennedy-Akten laut Weisung von Lyndon B. Johnson unter Verschluss bleiben. Eine Weisung zum Schutz der Kennedy-Familie oder zum Schutz anderer?

Quelle: Wiener Zeitung, 21.11.2003

Archiv der Propsteigemeinde St. Peter zurück

Das wertvolle Archiv der Propsteigemeinde St. Peter ist jetzt wieder dort, wo es hingehört: an der Kirche. Über 70 Jahre lang ruhte es als Dauerleihgabe im Stadtarchiv Recklinghausen.

In 170 Bänden und Kartons liegt ein wahrer Schatz. „Dieses Pfarrarchiv ist besonders hochkarätig wegen seiner Kontinuität bis zurück ins Mittelalter. Es ergänzt sich wunderbar mit den Beständen im Stadtarchiv„, urteilt Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes. In St. Peter, von wo das Archiv 1930 wegen fehlender Räume ausgelagert werden musste, sorgt jetzt ein neu eingerichtetes Zimmer mit Schränken und Tresor für angemessene Unterbringung.

„Zum Bestand gehören etwa 100 Urkunden, die Älteste aus dem Jahr 1360. Seit etwa 1500 finden sich weitgehende vollständige Dokumente wie Kirchenbücher sowie Unterlagen zur Vermögens- und Stiftungsverwaltung“, erläutert Propst Heinrich Westhoff. Für die fachliche Betreuung des Archivs ist in seiner Gemeinde der Historiker Dr. Christoph Thüer zuständig.

Besonders stolz ist Propst Westhoff auf die Originalurkunde über die Übertragung des Vestes Recklinghausen vom Erzbistum Köln, zu dem es bis 1823/24 gehörte, an das Bistum Münster. Im Archiv finden sich auch die Originalvorlagen aus dem Jahr 1887 für die prächtigen Chorfenster in St. Peter, die bisher in einer Glasmalerei in Kevelaer aufbewahrt wurden.

Im Stadtarchiv ist Platz frei geworden, der allerdings schon bald wieder gebraucht wird, denn das historische Archiv der Stadtsparkasse Recklinghausen soll in Kürze dort untergebracht werden.

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Quelle: WAZ, 20.11.2003

Spatzenjäger sind bewahrt

In Wurmbergs Gemeindearchiv sind fünf Bände voller Geschichte und Geschichten vor dem Verfall bewahrt worden. Maulwurfsfänger und Spatzenjäger im frühen 19. Jahrhundert oder der schwierige Start für die Waldenser im Heckengäu: Davon berichten schwere Archivbände, die jetzt restauriert wurden.

In den Jahren 1812 und 1813 hatten die Gemeindeoberen Neubärentals kein Herz für Maulwürfe und Spatzen. Um den Erdwühlern an den Kragen zu gehen, leistete sich die arme und unter den Lasten der napoleonischen Kriege leidende Gemeinde einen fest angestellten Maulwurfsfänger und zahlte ihm Kopfprämien. Jeder Neubärentaler hatte außerdem die Pflicht, jährlich zwölf Spatzenköpfe abzuliefern. Wer das tat, sollte eigentlich sechs Kreuzer von der Gemeinde bekommen. Doch in der alten Bürgermeisterrechnung dieser Jahre steht: „Heuer lieferten zwar alle den Ansatz, es wurde aber, wie bisher, dafür bezahlt: 0.“ Dass trotzdem eifrig Spatzen geliefert wurden, lag daran: Wer keine zwölf Köpfe brachte, zahlte zwölf Kreuzer Strafe.

Solche Geschichten aus den alten Orten finden sich in den Bänden des Wurmberger Gemeindearchivs, die seit 1715 akribisch zusammengetragen worden waren. Vermögensaufstellungen in Steuerbüchern, Aufzeichnungen über die Gemeindefinanzen oder über Grundstückshandel geben Einblick in den Alltag von früher. Eine Fundgrube für Historiker, die dieser Tage an einer Chronik Wurmbergs arbeiten.

Doch vieles aus den 40 Regalmetern voll alter Bücher und Akten war am Zerbröseln, Verschimmeln oder Zusammenbacken, Buchrücken platzten, die Buchbindung löste sich auf. Wurmberg hat mit dem Kreisarchiv des Enzkreises, das die rund 1.600 Titel voller Wurmberger Vergangenheit geordnet hat, diesen Verfall gestoppt. „Es ist wichtig, dass diese Quellen für die Nachwelt erhalten bleiben“, freute sich Bürgermeister Helmut Sickmüller über die erneuerten und konservierten Bände mit den ursprünglich schwersten Schäden, die Kreisarchivar Konstantin Huber gemeinsam mit den Restauratoren Helmut und Matthias Raum übergeben hat.

Die Experten von der Schwäbischen Alb sind mit Gas dem Schimmel zu Leibe gerückt, sie haben aus zerbröckelten Blättern wieder ganze gemacht und Bindung und Einband den alten Akten nachempfunden. Aber wie wird aus dem Fragment einer Seite wieder eine ganze? Helmut Raum spricht da von „anfasern“. Die alte Tinte wird fixiert. Dann werden die alten Blätter wie bei ihrer Produktion ins Wasser gelegt. Dabei wird ihnen die Säure entzogen, die das Papier angreift. Im Wasser wird dann das alte mit neuem Papier umgeben.

Spannende Geschichten

Wenn Konstantin Huber Fakten und Kuriositäten aus den restaurierten Bänden berichtet, sagt Matthias Raum: „Das ist unheimlich spannend zu erfahren. Wir müssen so viel an den Büchern arbeiten, dass wir sie nicht lesen können.“ Dabei steckt viel drin. Etwa im Steuer- und Messprotokoll von 1718 für Wurmberg, Neubärental und Lucerne, die Siedlung der Waldenser. Für die deutschen Bauern sind darin teils stattliche Fachwerkgebäude aufgelistet, bei den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich sprachen die Behördendagegen oft von einer „schlechten Baraque“ oder von „Erdhäußlin“.

Die Restauration ist laut Huber gelungen. Jetzt kommt es auf die Lagerung an, wie lange diese Geschichte dem Zahn der Zeit entgeht. Vorerst bleiben die Bände beim Enzkreis. Überlegungen für einen geeigneten Raum in Wurmberg seien aber schon angestellt worden. „Was man für die Vergangenheit der Gemeinde ausgibt, ist sinnvoll verwendetes Geld“, so Bürgermeister Sickmüller. Und was heißt schon knappe kommunale Kassen. Die Bürgermeisterrechnung Neubärentals weist 1813 jährliche Einnahmen von rund 394 Gulden aus. Dem standen Ausgaben von rund 660 Gulden gegenüber. 

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Quelle: Pforzheimer Zeitung, 21.11.2003

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