Stadtarchiv Bielefeld übernimmt »Gedächtnis Gumbinnens« als Depositum

Seit 1961 schreitet der „Gumbinner Elch“ durch den Bielefelder Bürgerpark und erinnert weithin sichtbar an den ehemaligen Kreis Gumbinnen. Dagegen ist das im früheren Ankergebäude an der Rohrteichstraße befindliche Kreisarchiv Gumbinnen vor allem den Spezialisten als Gedächtnis und Ort des kulturellen Erbes des ostpreußischen Kreises bekannt.

Seit mehr als fünfzig Jahren pflegt Bielefeld eine Patenschaft über den Kreis Gumbinnen, indem er die Arbeit der Kreisgemeinschaft fördert und inzwischen auch das heutige Gusev (Russland) durch die Lieferung von ausrangierten Materialien – Fahrzeuge, Straßenlaternen – unterstützt. Oberbürgermeister Dr. Hermann Kohlhase unterzeichnete 1954 die Urkunde, in der die Stadt sich verpflichtete, den Heimatvertriebenen des Kreises Gumbinnen eine Stätte zu bieten, „an der sie das Andenken an ihre verlorene Heimat lebendig erhalten“ können. Jetzt hat Oberbürgermeister Eberhard David der Patenschaftsverpflichtung Bielefelds an wichtiger Stelle weiter dauerhaften Bestand gegeben, als er gemeinsam mit Eckard Steiner, dem Vorsitzenden der Kreisgemeinschaft Gumbinnen, einen Depositalvertrag für das Kreisarchiv unterzeichnete. Die umfangreiche Sammlung wird ab sofort als Bestand des Stadtarchivs Bielefeld an der Rohrteichstraße geführt und nach einer Bearbeitung dort zugänglich gemacht, Eigentümer bleibt jedoch die Kreisgemeinschaft.

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Abb.: Rainer Jeschkeit, Dietrich Goldbeck und Dr. Jochen Rath (v.l.), Foto: Neue Westfälische/Christian Weische 

Über Jahrzehnte aus Privatbesitz übergebene, gesammelte und angekaufte Dokumente, Bücher und Fotos zur Geschichte des Kreises können danach im Stadtarchiv durch Interessierte eingesehen werden: Wissenschaftler, Heimatforscher, Genealogen und Journalisten. Das Stadtarchiv bewahrt die Unterlagen dauerhaft auf, erschließt diese in einem Findbuch, das die Dokumente in einer Datenbank verzeichnet, und macht sie während der ausgedehnten Öffnungszeiten für das Publikum zugänglich. Von wertvollem Nutzen für die Erschließung sind die umfangreichen Vorarbeiten von Dietrich Goldbeck, der die Sammlung als bester Kenner seit 1967 in Bielefeld intensiv betreut, und von Peter Bahl, der 1989/90 übersichtliche Findbücher für einige Bestände anlegte.

Das Kreisarchiv umfasst drei Hauptabteilungen: 1. Akten der 1955 gegründeten Kreisgemeinschaft Gumbinnen, 2. Akten anderer Herkunft: Vereine (darunter vor allem der Vereinigung ehemaliger Angehöriger der Friedrichsschule und Cecilienschule), Firmen und Personen (u.a. der Nachlass des letzten Gumbinner Landrates Roderich Walther), 3. Sammlungen mit Plakaten, Zeitungen, Druckschriften, Urkunden, Manuskripten und Lebensberichten, Karten und Plänen, Fotos, Filmen, Museumsgut, Biographien und Familienforschung.

Für die Erforschung des Kreises Gumbinnen sind die Unterlagen nach Einschätzung von Stadtarchivar Dr. Jochen Rath umso wertvoller, da die amtlichen Unterlagen des alten Landratsamts Gumbinnen, der Regierung Gumbinnen und der Provinz Ostpreußen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges größtenteils untergegangen sind. Splitterüberlieferung vor allem für das 19. Jahrhundert bewahrt das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin auf. Das Stadtarchiv wird bislang unverzeichnete Unterlagen in den Bestand einarbeiten und insbesondere Neuzugänge in das Kreisarchiv aufnehmen. Nach dem Abschluss der umfangreichen Erschließungsarbeiten ist eine online-Schaltung der Archivdatenbank geplant.

Kontakt:
Stadt Bielefeld
Institut Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
Dr. Jochen Rath
Rohrteichstr. 19
33602 Bielefeld
Tel. 0 521/51 68 46
Fax 0 521/51 68 44
jochen.rath@bielefeld.de

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