„Die Gymnastik, der Freiheit dankbare Tochter“: Kloster Maulbronn, das antike Griechenland und die Frühzeit des Turnens

Aus der Serie „Geschichtsort Archiv“

Für seine Bibliothek hat das Institut für Sportgeschichte Baden-Württemberg (IfSG) in Maulbronn unlängst einen besonderen Band erworben, der gleich mehrere Aspekte in sich vereint. Das Werk trägt den Titel „Ueber Gymnastik. Ein Gespräch Lucians“. Lukian von Samosata war im 2. Jahrhundert n. Chr. ein äußerst produktiver griechischer Schriftsteller, dessen Werke zum Bestandteil der europäischen Kultur wurden.

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Abb.: Titelblatt von August Paulys Lukian-Übersetzung „Ueber Gymnastik“ aus dem Jahr 1823 mit Bibliotheksstempeln (IfSG).

Bei dem Übersetzer handelt es sich um keinen Geringeren als August Pauly (1796-1845), der durch sein Hauptwerk „Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft in alphabetischer Ordnung“ nachhaltige Berühmtheit unter den Altphilologen erlangte. Pauly war der Sohn eines Maulbronner Klosterprofessors und selbst dort von 1811 bis 1813 Seminarist. Seine Mutter verstarb, wie auch die Schriftstellerin Caroline Schelling, im September 1809 im Kloster Maulbronn an der Ruhr. Südlich der Klosterkirche erinnert an Caroline Schelling bis heute ein Grabobelisk mit einer bewegenden Inschrift ihres Mannes, des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854).

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Abb.: Die Maulbronner Klosterkirche von Südwesten mit dem Turnplatz der Seminaristen; Lithographie nach einem Gemälde von G. Kübler, um 1840 (Stadtarchiv Maulbronn).

Die Gymnastik-Schrift war August Paulys erste Übersetzung, mit der er an die Öffentlichkeit trat. „Gewiss war es eine Reaktion auf die 1820 in Kraft getretene ‚Turnsperre‘, mit der die damals noch junge Turnbewegung untersagt wurde“, meint Markus Friedrich, Historiker und Archivar des IfSG. Hintergrund war die Ermordung des vermeintlichen russischen Spions und Staatsrats August von Kotzebue (1761-1819) im März 1819 durch den Burschenschafter und Turner Karl Ludwig Sand (1795-1820). Sand war – wie Pauly – ein Tübinger Stiftler. Das Stift war seit der Reformationszeit eine theologische Geistesschmiede, die zahlreiche württembergische Gelehrte und Dichter durchlaufen haben.

Dass durch die im selben Jahr erlassenen Karlsbader Beschlüsse die Turnplätze geschlossen und die Burschenschaften verboten wurden, war nicht nur eine Antwort auf das Attentat Sands, sondern auch auf das Wartburgfest von 1817 mit seinen Forderungen nach einem deutschen Nationalstaat. Die mit der reaktionären Politik Preußens einhergehende Demagogenverfolgung traf auch „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), der erst nach jahrelanger Haft entlassen wurde, nachdem er versichert hatte, sich in keiner Universitätsstadt mehr niederzulassen.

Die evangelischen Theologen Württembergs hatten nicht nur einen engen Bezug zu den alten Sprachen, sondern auch zu turnerischen Aktivitäten. So besuchte beispielsweise Friedrich Wilhelm Klumpp (1790-1868), ebenfalls Maulbronner Seminarist, bereits im Jahr 1816 Friedrich Ludwig Jahn auf dem Turnplatz Hasenheide in Berlin. Klumpp leistete auf dem Gebiet des württembergischen Schulturnens Pionierarbeit und ging als „Schwäbischer Turnvater“ in die Landesgeschichte ein.

Als Friedrich Theodor Vischer (1807-1887), der sich später einen Namen als Philosoph, Schriftsteller und Kenner Griechenlands machte, am Maulbronner Seminar unterrichtete, führte er mit seinen Zöglingen Turnübungen durch. Zu seinen Schülern gehörte Georg Herwegh (1817-1875), den Heinrich Heine als „Eiserne Lerche“ bezeichnete und der schließlich zum Dichter der Deutschen Revolution von 1848/49 werden sollte. Sie alle sind biografisch miteinander verbunden. So war Pauly auch ein Lehrer Mörikes, der aber offensichtlich nicht von der Turnbewegung ergriffen war.

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Abb.: Postkarte mit dem „Friesenhaus“ der Reichsakademie für Leibesübungen in Berlin (1930er Jahre). Aus der dortigen Institutsbibliothek stammt das Buch, das nun in Maulbronn aufbewahrt wird (IfSG). 

Um die Zeit, als Paulys Lukian-Übersetzung über die Gymnastik erschien, lässt sich über das sogenannte „Stuttgarter Turntagebuch“ von 1822/23 ein bemerkenswerter Kontakt zu den Philhellenen herstellen: Man unterstütze die seit 1821 im Freiheitskampf gegen die Türken stehenden Griechen sowohl materiell durch Spenden als auch ideell. In dieses Bild passt auch, dass sich in dieser Zeit deutsche Dichter mit altgriechischen Texten befassten. Über die Geschichte des Lukian-Bändchens von Pauly, das im berühmten Tübinger Osiander-Verlag erschien, lässt sich anhand der dort angebrachten Stempel eine weitere Spurensuche eröffnen. Denn Bücher haben ihre eigene Geschichte – sie zeigt sich oft anhand von Anstreichungen, Nutzungsspuren und Besitzstempeln.

Das nun in Maulbronn beheimatete Bändchen gehörte laut Exlibris-Vermerk ursprünglich dem Wiener Oberturnwart Anton Rath, dessen umfangreiche „Turnbücherei“ über 1.200 Bände umfasste. Es ist ein Indiz für den Bildungsanspruch der Turner und es zeigt, dass sich die Turnbewegung noch um die Jahrhundertwende an der klassischen Griechenland-Begeisterung orientierte. Freilich ging es auch darum, das Turnen durch eine bis in die Antike reichende Tradition zu adeln und es zum Kanon des humanistischen Bildungsideals hinzuzufügen. Eng damit verknüpft war der patriotische Nutzen der (antiken) Leibesübungen, wie es in Paulys Vorwort heißt: „Die Gymnastik“ sei „der Freiheit dankbare Tochter“ und Leibesübungen seien ein „gemeinsamer Eifer für des Vaterlandes Erhaltung und Ehre“.

Das Buch gelangte von Oberturnwart Rath vermutlich in die  Bücherei der Deutschen Turnerschaft, die wiederum Teil der Bibliothek der Deutschen Hochschule, ab 1936 Reichsakademie, für Leibesübungen wurde. Diese 1920 gegründete Institution war eine der ersten staatlichen Einrichtungen in Deutschland zur konsequenten Förderung des Sports und der Leibesübungen. Eine Legende besagt, dass der einflussreiche Sportfunktionär Carl Diem (1882-1962) die Bücher am Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem brennenden Berlin rettete.

Erst 1947 fand die gesamte Bibliothek eine neue Heimat, nämlich in der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, der heutigen Deutschen Sporthochschule in Köln. Dort wurde der Pauly-Band vermutlich als Doppelexemplar ausgemustert und gelangte so in den Antiquariatshandel. Nun schließt sich der Kreis, indem es künftig in Maulbronn aufbewahrt werden wird – dort, wo August Paulys klassische Bildung begann und revolutionäres Turnen der Körpererziehung diente.

(enz/Martin Ehlers und Markus Friedrich)

Kontakt:
Institut für Sportgeschichte Baden-Württemberg e.V.
Geschäftsstelle
Markus Friedrich, M.A., Leiter Dokumentations- und Archivierungsprojekte
Klosterhof 31
75433 Maulbronn
Tel: 07043-103-55
ifsg-friedrich@maulbronn.de

Quelle: Enzkreis, Pressemitteilung 443/2016

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