Zur Gründung des Landes Thüringen vor 100 Jahren

Ein Beitrag des Thüringer Landesarchivs zum Portal „Thüringen – legislativ & exekutiv“ (Thulex)

Landesgeschichte anhand von digitalisierten Quellen aus über 500 Jahren Thüringer Geschichte bietet das Portal Thulex – „Thüringen – legislativ & exekutiv“. Das Landesarchiv Thüringen und die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena haben dafür mit Förderung durch die Thüringer Staatskanzlei jahrelang Quellen wie Gesetzesblätter und Landtagsprotokolle zusammengetragen, digitalisiert, verfilmt und katalogisiert.

Das Ergebnis ist eine umfangreiche und weiter wachsende Online-Datenbank mit Recherchemöglichkeiten in bisher über 1 Million gedruckter Seiten, die vielseitige Nutzungsmöglichkeiten bietet.

Auch anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung des Landes Thüringen am 1. Mai sowie der Verabschiedung der Verfassung vom 12. Mai 1920 präsentiert sich das Portal als Fundgrube für wertvolle historische Dokumente aus der Zeit. Die „Verhandlungen des Volksrates von Thüringen“ der Jahre 1919 und 1920 bieten einen elementaren Einblick in die komplexen parlamentarischen Vorgänge und Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Einzelstaaten (untereinander) und denen Preußens, um dem „Kleinstaatenjammer“ im nachrevolutionären Thüringen ein Ende zu bereiten.

Zum Land Thüringen
Das Land Thüringen wurde am 1. Mai 1920 durch die Vereinigung der Freistaaten Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen sowie des Volksstaates Reuß gebildet. Rechtsgrundlage war das von der Deutschen Nationalversammlung am 23. April verabschiedete und vom Reichspräsidenten sowie vom Reichsminister des Innern am 30. April unterzeichnete „Gesetz, betreffend das Land Thüringen“. Zur Vorbereitung der gänzlichen Verschmelzung hatten sich die thüringischen Einzelstaaten bereits im Mai 1919 durch den seit 4. Januar 1920 umfassend wirksamen „Gemeinschaftsvertrag“ zu einer Staatengemeinschaft mit eigenen Organen und weitreichenden Rechten zusammengeschlossen.

Mit einem Gebietsstand von 11.724 Quadratkilometern und einer Bevölkerungszahl von 1.609.300 Einwohnern (16. Juni 1925) nahm das neue Land eine mittlere Stellung innerhalb der Gliedstaaten des Deutschen Reichs ein. Mitte der 1920er Jahre lebten ca. 42 % der Bevölkerung in Orten mit einer Einwohnerzahl von 5.000 Personen und mehr. Wirtschaftlich spielten Industrie und Handwerk eine wichtige Rolle: Knapp der Hälfte aller Erwerbstätigen boten sie zum damaligen Zeitpunkt Beschäftigung. In der Land- und Forstwirtschaft arbeiteten zur selben Zeit annähernd 30 % der erwerbstätigen Bevölkerung, während auf Handel und Verkehr gut 12 % entfielen.

Hinsichtlich der staatsrechtlichen Grundlagen musste Thüringen gemäß den Bestimmungen der Reichsverfassung über eine „freistaatliche Verfassung“ verfügen, welche als „Verfassung des Landes Thüringen“ am 11. März 1921 vom ersten Landtag verabschiedet wurde. Die Staatsgewalt ging demnach vom Volke aus und wurde vor allem durch den Landtag und die Landesregierung ausgeübt, wobei Ersterer die gesetzgebende Gewalt innehatte, die Verwaltung überwachte und die Landesregierung bestellte. Die Abgeordneten wurden in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl für drei Jahre gewählt. Der Landesregierung, welche ein Kollegium war und die Bezeichnung Staatsministerium führte, oblag hingegen die Staatsleitung. Ihre Mitglieder waren dem Landtag verantwortlich und von seinem Vertrauen abhängig. Neben ehrenamtlich tätigen Staatsräten ohne Geschäftsbereich bestand die Landesregierung aus Staatsministern, die als Leiter von Fachministerien fungierten. Dem Vorsitzenden stand bis 1933 keine Weisungsbefugnis gegenüber den Fachministern zu. Im Zuge der „Gleichschaltung der Länder“ durch die Nationalsozialisten erfuhren sowohl die Landesregierung als auch der Landtag einen massiven Bedeutungsverlust: Erstere sank zu einem bloßen Ausführungsorgan der Reichsregierung in Berlin herab; Letzterer wurde Anfang 1934 gänzlich aufgehoben.

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und der Übernahme der obersten Gewalt durch die amerikanische Besatzungsmacht konstituierte sich auf ihre Veranlassung hin Mitte Juni 1945 die „Provinz Thüringen“, welche neben dem Gebiet des Landes Thüringen auch den bisher preußischen Regierungsbezirk Erfurt sowie westsächsische Gebiete im Bereich der amerikanischen Truppen umfasste. Zum Regierungsbezirk Erfurt gehörte seit 1944 auch der Kreis Schmalkalden. Unter Abtretung Westsachsens wandelte die sowjetische Besatzungsmacht die „Provinz Thüringen“ in das „Land Thüringen“ um (26. November 1945: 15.634 Quadratkilometer; 1. Dezember 1945: 2.776.773 Einwohner). Die sich unter den Amerikanern eröffnenden Möglichkeiten eines Wiederaufbaus auf föderaler und demokratischer Basis wurden indes nach dem Anfang Juli 1945 erfolgten Besatzungswechsel zur sowjetischen Militäradministration schrittweise zurückgedrängt. Mit der Einführung der Bezirksstruktur im Gefolge der Verwaltungsreform vom 23. Juli 1952 wurde die administrative Einheit Thüringen – wie alle Länder der Deutschen Demokratischen Republik – durch die Beseitigung ihrer Legislative und Exekutive faktisch vollends bedeutungslos.

Kontakt:
Landesarchiv Thüringen
Marstallstraße 2
D-99423 Weimar
Telefon: +49 (0) 36 43 87 01 01
Telefax: +49 (0) 36 43 87 01 00
landesarchiv(at)la.thueringen.de
www.thueringen.de/landesarchiv

Quelle: Landesarchiv Thüringen, Aktuelles; Thulex: Land Thüringen.

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