Der Worpsweder Fotograf Dodenhoff 1942 in Krakau

Topographie des Terrors zeigt Ausstellung „Der kalte Blick“.

Im Oktober 2020 wurde im Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ in Berlin die Ausstellung „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“ eröffnet. Die Ausstellung zeigt Bilder der Menschen in dem 1941 von der deutschen Zivilverwaltung eingerichteten jüdischen Ghetto Tarnów in Polen resp. in dem von den deutschen Besatzern eingerichteten „Generalgouvernement„. Die beiden Kuratoren der Berliner Sonderausstellung, die noch bis zum 11.4.2021 gezeigt wird, sind im Rahmen ihrer Recherchen auf das Kreisarchiv Osterholz gestoßen, um sich zum Fotobestand des bekannten Worpsweder Fotografen Rudolf Dodenhoff (1917-1992) zu erkundigen. Dieser soll maßgeblich an der Erstellung der damaligen Bilder beteiligt gewesen sein. Daraufhin begann das Kreisarchiv die Geschichte Dodenhoffs weiter aufzuarbeiten.

Abb.: Ausstellung „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów” (Foto: Johanna Wensch / Stiftung Topographie des Terrors). Die anthropometrischen Bilder, die Rudolf Dodenhoff 1942 in Tarnów anfertigte, sind in der Ausstellung bewusst so platziert, dass Besucher sie nicht frontal einsehen können.

Rudolf Dodenhoff, der in Worpswede geboren wurde, war Inhaber eines bekannten Fotogeschäfts im Künstlerdorf. Im Jahr 1992 verstarb er in Worpswede. Sein Fotoatelier übernahm im Jahr 1999 der Fotograf Dieter Weiser, der den Fotobestand wiederum 2016 an den Landkreis verkaufte. Der sehr umfangreiche Bestand wird seitdem vom Kreisarchiv Osterholz systematisch aufgearbeitet und verzeichnet. Einige spannende Geschichten sind dabei bereits ans Licht gekommen, zum Beispiel die Fotografen-Tätigkeit der zweiten Ehefrau Dodenhoffs, Ruth Dodenhoff (1923-2018).

Abb.: Der Osterholzer Landrat Bernd Lütjen und die Archivleiterin Gabriele Jannowitz-Heumann stellten die Fotos von Ruth Dodenhoff vor, 2018 (Foto: Landkreis Osterholz)

Um die Fotos Rudolf Dodenhoffs den verschiedenen Zeitepochen und Themen richtig zuordnen zu können und damit auch wissenswerte Erkenntnisse für die Berliner Ausstellung zu sammeln, bedurfte es einer historischen Recherche. Hinlänglich bekannt sind die Worpsweder Landschaftsfotos Dodenhoffs, teilweise in Farbe, da er das erste Farbfotolabor in Norddeutschland betrieb. Doch was hatte ihn im Jahr 1942 nach Krakau geführt und was war dort seine Aufgabe? Anlässlich der Ausstellung in Berlin recherchierte die Osterholzer Kreisarchivarin Gabriele Jannowitz-Heumann weiter.

Rudolf Dodenhoff kam im Jahr 1936 zum Reichsarbeitsdient nach Rotenburg. Dort zog er sich eine schwere Lungenverletzung zu und verbrachte lange Zeit im St. Jürgen Hospital in Bremen. Danach war er nicht mehr „kriegsverwendungsfähig“. Im Jahr 1939 ging er nach München an die bekannte Staatliche Lehranstalt für Fototechnik und machte dort 1941 seinen Abschluss als Fotograf. Viele der Absolventen, wie beispielsweise Peter von Zahn, gingen als Fotoberichterstatter an die Front. Das war für Dodenhoff nicht möglich. Da er kein NSDAP-Mitglied war, gab es eine Beurteilung von der Reichskulturkammer (Gaupresseamt), dass er zwar nicht in der Partei sei, doch politische oder sonstige Bedenken gegen ihn nicht bestünden, und so wurde er als Schriftleiter ins deutsch besetzte Krakau geschickt. Dort arbeitete er in der „Zentralstelle für Film und Bild“ für die Zeitschrift „Das Generalgouvernement“. Aufgabe der Zeitschrift war die Verbreitung des Deutschtums.

Abb.: Ausstellung „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“ (Foto: Stiftung Topographie des Terrors)

Darüber hinaus wurde Dodenhoff eine Sonderaufgabe übertragen. Im Zuge der rassehygienischen Untersuchungen bekamen zwei Wissenschaftlerinnen – die Anthropologinnen Dr. Dora Kahlich-Könner (1905-1970) und Dr. Elisabeth Fliethmann (1915-1987) – vom Naturhistorischen Museum Wien, die Aufgabe, Menschen im jüdischen Ghetto Tarnów gemäß rassehygienischen Vorschriften zu fotografieren und zu untersuchen. Den beiden Frauen wurde Dodenhoff als Fotograf zugeteilt. Seine Aufgabe war es, die jüdischen Männer in typischen Kopfstellungen zu fotografieren. Elisabeth Fliethmann hatte im Mai 1942, wie das Osterholzer Kreisblatt bemerkt, in einem Zwischenbericht in der Publikation „Deutsche Forschung im Osten“ berichtet: „Außerdem wurden von jeder Person vier Kopfaufnahmen und drei Ganzkörpernacktaufnahmen gemacht. Die Aufnahmen wurden mit der freundlichen Genehmigung des Leiters der Zentralstelle für Film und Bild im Generalgouvernement, Herrn Homann, von Herrn Dodenhoff gemacht, wofür ich beiden Herren unseren besten Dank ausspreche. Die Ganzkörperaufnahmen der Frauen machte ich (Fliethmann) selbst.“

Die Frauen sollen hingegen von den Wissenschaftlerinnen selbst fotografiert worden sein, die zudem die Nacktaufnahmen angefertigt haben sollen. Die entwickelten Filme hatte Dodenhoff an die Wissenschaftlerin Dr. Fliethmann abzugeben, die, wie sie es nannte das „Judenmaterial“, gemeinsam mit Dr. Kahlich-Könner auswertete. Am 6.9.1942 schrieb Dr. Fliethmann: „Vom künstlerischen Standpunkt aus sind die Fotos sehr gut. Noch dazu hat der gute Dodenhoff uns tatsächlich einen Beweis für seine Eignung zum Festhalten der Gesichtsausdrücke geliefert. Unsere Hilfskraft und die eine Bettlerin sind wunderbar.“ Die Hilfskraft war Maria Bozena Romanowski, eine polnische Fotolaborantin, die Dodenhoff kurze Zeit später in Worpswede heiratete.

Der heutige Fotobestand Dodenhoffs im Kreisarchiv Osterholz enthält keine Porträtaufnahmen aus dem Jüdischen Ghetto Tarnów für die rassehygienischen Untersuchungen. Den Machern der Berliner Ausstellung um die Kuratorin Dr. Margit Berner (Naturhistorisches Museum Wien) konnten damit keine dieser Bilder zur Verfügung gestellt werden. Ob Dodenhoff seinen Nachlass tatsächlich gereinigt hat, wie im Katalog zur Ausstellung zu lesen, kann nur vermutet, aber nicht bewiesen werden. Es bestehen allerdings mehrere Bilder von jüdischen Menschen aus Tarnow, gestempelt mit „Zentralstelle für Film und Bild Krakau“, wie beispielsweise die Aufnahme der polnischen Fotolaborantin, die auch den Kuratoren zur Verfügung gestellt worden sind.

Das Osterholzer Kreisarchiv bereitet zur Aufarbeitung der Geschichte Dodenhoffs einen Vortrag vor, der im kommenden Jahr 2021 vorgestellt werden soll.

Info:
Der kalte Blick – Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów /
The Cold Eye – Final Pictures of Jewish Families from the Tarnów Ghetto
Ein Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung (deutsch/englisch), hg. v. Naturhistorisches Museum Wien, vertreten durch: Dr. Katrin Vohland, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, vertreten durch: Uwe Neumärker, Stiftung Topographie des Terrors, vertreten durch: Dr. Andrea Riedle,
Berlin 2014, 272 S., ISBN 978-3-941772-48-9; 18,00 €

Margit Berner:
Letzte Bilder. Die „rassenkundliche” Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942 /
Final Pictures. The 1942 „Race Study“ of Jewish Families in the Tarnów Ghetto
hg. von / published by Stiftung Topographie des Terrors, vertreten durch / represented by Dr. Andrea Riedle, Hentrich & Hentrich (Topographie des Terrors Notizen Visuell 3),
Berlin 2020, 292 S., Broschur, ISBN 978-3-941772-47-2; 22,00 €
Als Hardcover im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-95565-407-8).

Kontakt:
Kreisarchiv Osterholz
Am Barkhof 10a
27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791 930-2260
Fax: 04791 930-2298
kreisarchiv@landkreis-osterholz.de

Stiftung Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8
10963 Berlin
Telefon: 030 254509-0
Fax: 030 254509-99
info@topographie.de
www.topographie.de

Quelle: Landkreis Osterholz, Meldung, 20.11.2020; Osterholzer Kreisblatt, 7.12.2020

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