Eröffnung des Traunsteiner Stadtmuseums 1923

Folgt man einem vor einigen Wochen im Traunsteiner Tagblatt erschienenen Bericht, dann steht das Traunsteiner Stadtmuseum vor großen Veränderungen.

Abb.: Stadt- und Spielzeugmuseum Traunstein (Foto: Stadtmuseum Traunstein)

Geplant ist sowohl eine Vergrößerung wie auch eine inhaltliche Neukonzeption (Neuplanung). Hier gilt es, langfristig zu denken und sorgfältig zu planen. „Wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen“, so Stadtkämmerer Reinhold Dendorfer, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Heimathaus.

Und als erster Schritt auf diesem langen Weg sollen die gesamten Bestände von einer wissenschaftlichen Fachkraft binnen der nächsten beiden Jahre inventarisiert werden [Traunsteiner Tagblatt, Nr. 40, 18.2.2021, S. 7].

Das Archivale des Monats April des Stadtarchivs Traunstein, eine kürzlich angekaufte Postkarte, zeigt, dass der Zeitpunkt, dieses ehrgeizige kulturelle Projekt anzugehen, auch historisch gut gewählt ist. Denn 2023 jährt sich die Eröffnung des Museums im Heimathaus zum einhundertsten Mal, und was wäre passender, als die Pläne für das nächste ‚Museumsjahrhundert‘ genau dann zu präsentieren?

Der Betrachter allerdings wird sich zu Recht fragen, wie der Verfasser dazu kommt, die im Bild festgehaltene Szene – zwei Honoratioren, die ein Gebäude durch ein Spalier, augenscheinlich gebildet von Teilnehmern des Georgiritts, verlassen – in dieser Hinsicht zu interpretieren.


Abb.: Postkarte: zwei Honoratioren verlassen ein Gebäude durch ein Spalier, augenscheinlich gebildet von Teilnehmern des Georgiritts (Stadtarchiv Traunstein)

Das geht natürlich nur mit Hilfe des nebenstehend zu lesenden Textes: „25.IV.[19]23 – Georgiritt – König Rupprecht und Vater – Austritt vom Heimathaus Traunstein“. An diesem Text ist zunächst einmal einiges falsch. Der Georgiritt findet traditionell am Ostermontag statt, und das war 1923 der 2. und nicht der 25. April. Auch war die Monarchie in Bayern seit fünf Jahren Geschichte, und Rupprecht (1869-1955; links) lediglich der älteste Sohn König Ludwig III., der aber als „Kronprinz“ an seinen Thronansprüchen festhielt. Und leider wissen wir auch nicht, wer diesen Vermerk verfasste und wer somit der „Vater“ (rechts) ist.

Aber: Das richtige Datum ermöglicht es, in den beiden damals erscheinenden Tageszeitungen zu recherchieren. Und dabei wird rasch klar, dass am 2. April 1923 nicht nur die Georgiritter nach Ettendorf zogen, sondern im Gefolge dieses Festtages auch das Traunsteiner Stadtmuseum sich erstmals in neuen Räumen präsentierte.

Während das „Traunsteiner Wochenblatt“ beide Ereignisse nur in einem gewöhnlichen, nicht übermäßig langen und auffälligen Beitrag zusammenfasste, den Besuch des Kronprinzen dabei überhaupt nicht erwähnte und, so gewinnt man den Eindruck, dem neuen Stadtmuseum eher distanziert gegenüberstand [Traunsteiner Wochenblatt, Nr. 76, 3.4.1923, S. 1-2], berichtete die „Oberbayerische Landeszeitung“ in einer Serie von drei aufeinanderfolgenden Artikeln jeweils auf der Titelseite über den „Osterritt und [die] Eröffnungsfeier des Heimathauses Traunstein“ und lieferte vor allem zu Letzterem ein wahre Fülle an Informationen, begleitet von unverhohlener Begeisterung [Oberbayerische Landeszeitung, Nr. 77–79, 3.–5.4.1923, jew. S. 1]. Daraus zwei längere Auszüge (wer gerne ungekürzt in das damalige Geschehen eintauchen möchte, der klicke hier).

In der alten Gaststube zum Zieglerwirt, wo in früheren Zeiten noch viele jetzt lebende Bewohner der Gegend zum frohen Trunke versammelt waren und [die] auch jetzt ihr altes anheimelndes Gepräge noch voll bewahrt hat, hatte sich eine auserlesene Gesellschaft zum Festakt versammelt: Die beiden Herrn Bürgermeister mit der Stadtverwaltung, namentlich Hr. [Franz Xaver] Prandtner und Hr. [Eduard] Leopoldseder, die sich um die Ausgestaltung des Heimathauses besonders verdient gemacht haben, Vertreter des Klerus, die Spitzen der Behörden, Hr. Geheimrat [Dr. Emil] Ehrensberger, Vertreter der Gemeinden, namentlich Hr. Bürgermeister [Bartholomäus] Schmucker von Ruhpolding, der Begründer eines schönen, interessanten Heimatmuseums in seinem Orte, usw. Auch von auswärts waren zahlreiche Festgäste eingetroffen, die der Pflege der Heimatkunst ihre Kräfte widmen, so besonders Hr. Dr. [Georg] Hager, General-Konservator der Kunst-Denkmale und Altertümer Bayerns, Ministerialrat Dr. [Julius] Gröschl, Vorstand des Vereins für Heimatschutz, Generaldirektor [Dr. Otto] Riedner, Vorstand der staatlichen Archive, die Professoren [Friedrich] von der Leyen und [Ernst August] Bertram von Köln, die Professoren Jäger und [Ludwig] Bolgiano von München, Dr. [Franz] Martin, Vorstand der Salzburger Gesellschaft für Landeskunde, Frau Dr. Rohde, welche das städt[ische] Archiv im Heimathaus in mustergültiger Weise geordnet hat, Frl. Irene Peetz, die Tochter des um die Chiemgauer Volks- und Landeskunde hochverdienten ehemaligen Rentamtsmannes von Traunstein [Hartwig Peetz] und besonders der Sohn unserer Stadt, Hr. Apotheker Dr. [Georg] Schierghofer, der Freund des Hrn. Architekten [Josef] Angerer, welcher im Bunde mit ihm der Traunsteiner Heimatforschung und der Ausgestaltung des Heimathauses seine reichen Kenntnisse und besten Kräfte gewidmet hat. Hocherfreut und geehrt aber fühlte sich die ganze Versammlung, als Se[ine] K[öni]gl[iche] Hoheit Prinz Rupprecht in ihrer Mitte erschien, um sein reges Interesse für Heimatkunst und Heimatpflege zu bekunden.
[Oberbayerische Landeszeitung, Nr. 77, 3.4.1923, S. 1]

Und weiter:

Von hoher Warte aus beleuchtete sodann der Fachmann für Museumskunde, Herr Generalkonservator Dr. Hager, die Bedeutung des Heimathauses [Georg Hager (1863-1941), Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege von 1908 bis 1928; siehe Egon Johannes Greipl, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, publiziert am 26.2.2019; in: Historisches Lexikon Bayerns, 17.2.2021]. Es gäbe große Museen und kleine, die großen müsse man bewundern, die kleinen lieben, denn der Geist der Heimat sei in letzteren lebendig und spreche aus ihnen. Man brauche die großen wie die kleinen; nicht auf die Fülle des reichen Inhalts komme es an, sondern vor allem auf die geistige Schale, mit der man aus dem Gehalt des Museums schöpfe und dessen Inhalt dem eigenen Geist zu Nutze mache. Dann werde man im Kleinen das Große schauen, dann werde man aus den Resten der Vergangenheit den Reichtum des Menschengeistes in Religion, Kunst und Kultur verstehen lernen; auf die Vergangenheit müsse man schauen, dann werde man die Gegenwart begreifen und die Zukunft gestalten können. Aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft setze sich der Wert und die Bedeutung des Museums zusammen. Als Programm für die Pflege des Museums gab er drei inhaltvolle Punkte an: Richtig sammeln, schön gestalten, wahrhaft lebendig machen!
[Oberbayerische Landeszeitung, Nr. 79, 5.4.1923, S. 1]

Abschließend dazu noch ein Blick in Anton Kasenbachers Stadtgeschichte: „Ein wesentlicher Schritt zur Festigung und Repräsentation des Heimatgedankens wurde mit der Stiftung des Heimathauses vollzogen. Das alte Zieglerwirtshaus neben dem Brothausturm war nach dem Gastgeber Georg Ziegler (1691-1712) benannt [gemeint ist hier die Zeit, in der Ziegler die Wirtschaft innehatte]. […] Die Mutter des früh verstorbenen Architekten und Heimatforschers Josef Angerer (1882-1918) vermachte das alte Torwirtshaus im Sinne ihres Sohnes 1919 als ‚Heimathaus‘ durch notariellen Vertrag der Stadt. Auch der Buchnachlass Angerers ging als Grundstock der seither laufend ergänzten ‚Chiemgau-Bibliothek‘ in städtischen Besitz über. An Josef Angerer, der sich auch um den Georgiritt große Verdienste erwarb, erinnern eine steinerne Gedenktafel im Laubengang des Hauses und eine nach ihm benannte Straße in Neu-Traunstein. Brothausturm und Heimathaus, die mit ihrem starken Gemäuer allen Stadtbränden standhielten, stellen das wohl älteste architektonische Denkmal Traunsteins dar. Im Jahr 1888 war es bereits (durch den hiesigen Apotheker Joseph Pauer angeregt) zur Gründung eines ‚Städtischen Chiemgaumuseums‘ gekommen.“ – Die Unterlagen des Historischen Vereins (in: Stadtarchiv Traunstein, hier Nr. 37) präzisieren die Gründungsgeschichte wie folgt: „Das städtische Museum wurde 1882 gegründet und vom Stadtmagistrat nach der Vereinbarung zwischen Magistr[ats-]Vorstand Hofrat und rechtsk[un-digen] Bürgermeister Josef Seufert und Apotheker Josef Pauer hier genehmigt l[aut] Sitzungsbericht vom 3. Juni 1882. Der II. Stock des Rathaus-Rückgebäudes wird ab 1. Nov[ember] 1888 zur Aufnahme des Museums in Stand gesetzt l[au]t Sitz[ungs-]Ber[icht] v[om] 23. und 30. Oct[ober 18]88. Bisher waren die bis jetzt gesammelten Museumsgegenstände in einem Raum im Rathaus-Rückgebäude untergebracht und seit 1. August [18]88 gegen eine Eintrittsgebühr von 20 d [denarii = Pfennig] der allgemeinen Besichtigung zugänglich; am 1. April 1889 sollen die neuen Räumlichkeiten eröffnet werden.“ Hier muss zu gegebener Zeit noch genauer recherchiert werden.

Bei Anton Kasenbacher heißt es weiter: „Zusammen mit seinem Freund [Josef] Köchl versah Pauer diesen Urstock eines Heimatmuseums mit einer beachtlichen Sammlung im Wege von Schenkungen. Nachdem die von der Stadt hierfür bereitgestellten Räume im Rückgebäude des Rathauses die Fülle der Ausstellungsgegenstände nicht mehr aufnehmen konnten, fand das Museum (vor allem dank der Bemühungen Dr. Georg Schierghofers) 1923 im Heimathaus (nach einigen baulichen Veränderungen) eine endgültige und passende Unterkunft. […] 1951 brachte die Stadt Heimathaus und Brothausturm mit Bibliothek und Museum auf Antrag des Historischen Vereins in die staatliche genehmigte öffentliche ‚Stiftung Heimathaus Traunstein‘ ein“ [Kasenbacher, Anton: Traunstein. Chronik einer Stadt in Wort und Bild. Grabenstätt 1986, S. 155-156].

Wie gesagt, was gäbe es Besseres, als 100 Jahre nach seiner Eröffnung ein neues Konzept für das vergrößerte Museum vorzustellen? Richtig sammeln, schön gestalten, wahrhaft lebendig machen – was damals zur Maxime erhoben wurde, sollte auch heute die Richtschnur sein.

Kontakt:
Stadtarchiv Traunstein
Stadtplatz 39
83278 Traunstein
Tel.: 0861 / 65-250 und 0861 / 65-287
Fax: 0861 / 65-201
franz.haselbeck@stadt-traunstein.de

Postanschrift:
Stadtverwaltung Traunstein
Stadtarchiv
83276 Traunstein

Quelle: Stadtarchiv Traunstein, Archivale des Monats April 2021

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