Projekt erforscht Stadterneuerung in der Stralsunder Altstadt

Ein Forschungsprojekt von mehreren Wissenschaftlern verschiedener Universitäten und Hochschulen ist auf der Suche nach Dokumenten aus der Zeit der Wende. Es untersucht die bürgerschaftlichen Aktivitäten gegen Flächenabrisse und für eine substanzerhaltende Stadterneuerung in ostdeutschen Städten – vor, während und nach der Wende. Hierbei handelt es sich um das BMBF-Verbundprojekt „Stadterneuerung am Wendepunkt – die Bedeutung der Bürgerinitiativen gegen den Altstadtverfall für die Wende in der DDR“ (Stadt-Wende).

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Forschungsprogramms „Wissenslücken über die DDR schließen“ gefördert. Der Stadtwende-Projektverbund ist einer von 14 durch dieses Programm finanzierten Forschungsverbünden und beschäftigt sich seit Januar 2019 (bis Dezember 2022) mit der vorgestellten Thematik.

Das Verbundprojekt besteht insgesamt aus zehn Forschern und Forscherinnen und den fünf Projektleitern und Projektleiterinnen, die eine aufeinander abgestimmte Forschungsstrategie mit interessanten wissenschaftlichen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen verfolgen. Beteiligt sind an dem Forschungsvorhaben „Stadtwende“ die TU Kaiserslautern (Gesamtleitung), die Universität Kassel, das Institut für raumbezogene Sozialforschung in Erkner und die Bauhaus-Universität Weimar.

Das Forschungsprojekt geht von der These aus, dass der zunehmende Stadtverfall vielerorts ein Auslöser für Bürgerproteste und damit auch für die friedliche Revolution im Herbst 1989 war. Der Stadtverfall der DDR-Innenstädte war in den 1980er Jahren ein nicht mehr zu leugnendes und sichtbares Zeichen für den Niedergang der gesamten Gesellschaft. Die marode Bausubstanz, zunehmende Leerstände und großflächige Abrisse von historischer Bebauung zugunsten einer zentralistisch gesteuerten Neubebauung mit uniformen Plattenbauten wurde in den betroffenen Städten teilweise sehr kontrovers diskutiert. Es regte sich Widerstand gegen diese Art brachialer Stadtzerstörung.


Abb.: Fotografisches Zeitzeugnis aus der Zeit der Wende, das deutlich zeigt, wie nötig ein Engagement gegen Abriss in Stralsund war (Foto: Hansestadt Stralsund)

Ziel des Verbundprojekts ist es, den Altstadtverfall in der DDR in seiner ursächlichen Bedeutung zu erfassen, dessen Impulse für die Entfaltung der Bürgerbewegungen als wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Wende 1989 zu erklären und darüber hinaus die Stadtentwicklungspolitik nach der deutschen Einheit im Sinne jener Erfahrungen neu einzuordnen und zu bewerten. Außerdem wird die bisher durch die Forschung nicht geleistete systematische Analyse der vielfältigen Proteste gegen den Altstadtzerfall in der DDR aufgearbeitet. Dabei soll anhand von Fallstudien die Situation in etwa 20 Fallstudienstädten untersucht, ausgewertet und verallgemeinert werden.

Im Zusammenhang mit diesen Studien rückte auch Stralsund schnell in den Fokus der Wissenschaftler, weil sich hier Stralsunderinnen und Stralsunder kurz nach dem Mauerfall 1989 in der Bürgerinitiative „Rettet die Altstadt Stralsund“ organisiert hatten. Zu deren Gründungsmitgliedern gehörte Prof. Dr. Herbert Ewe (1921-2006), der auch bis 1991 den Vorsitz innehatte. Herbert Ewe war außerdem von 1952 bis 1986 Direktor des Stadtarchivs Stralsund. Noch im Dezember 1989 wurde Stralsund zu einer Modellstadt der Stadterneuerung. Ob in Bürgerinitiativen, auf Demonstrationen, mit Ausstellungen oder durch Sanierung in Eigenleistung – das Feld des Engagements für den Altstadterhalt war sehr breit.

Wer die Forschungsarbeit in Bezug auf Stralsund unterstützen möchte und Fotos, Zeitungsartikel, Plakate, Dokumentationen, Karikaturen oder etwa Entwürfe für die Altstadt aus dieser Zeit vor, während und nach der Wende besitzt, kann dieses Material im Stadtarchiv Stralsund als Leihgabe oder als Schenkung abgeben. Für das Jahr 2022 ist geplant, eine Ausstellung mit den Forschungsergebnissen in Zusammenarbeit mit der Hansestadt Stralsund in der Kulturkirche St. Jakobi zu zeigen. Wer Informationen oder Fragen zu dem Projekt hat, kann sich auch an Jannik Noeske, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bauhaus-Universität Weimar, wenden.

Kontakt:
Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund
Am Johanniskloster 35
18439 Stralsund
Tel.: 03831 / 253 640
Fax: 03831 / 252 53 640
stadtarchiv@stralsund.de
https://stadtarchiv.stralsund.de/

Bauhaus-Universität Weimar
Professur Raumplanung und Raumforschung
Msc Jannik Noeske
Geschwister-Scholl-Straße 8
99423 Weimar
Tel.: 03643 / 58 32 85
jannik.noeske@uni-weimar.de

Quelle: Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund, Aktuelles, 13.04.2021; Bauhaus Universität Weimar, Stadtwende; Stadtwende, Forschungsprojekt

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