Handwerker-Meisterstücke im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

Wer Handwerksmeister werden möchte, muss zuvor ein Meisterstück anfertigen. Diese Voraussetzung besteht bereits seit langer Zeit, wie auch einige Zeichnungen aus dem baden-württembergischen Stadtarchiv Villingen-Schwenningen bestätigen können. Die Zeichnungen skizzieren sehr detailliert den Entwurf des Meisterstücks. Sie kamen nach Auflösung der Zünfte und Einführung der Gewerbefreiheit 1862 in städtischen Besitz und so ins Stadtarchiv. Unter anderem gibt es sieben Konvolute der Schreinerzunft aus den Jahren 1735 bis 1859.


Abb.: Eine Zeichnung von Gustav Singer aus dem Jahr 1851, die zum Skizzieren seines Meisterstücks diente (Foto: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen)

Das Archivale des Monats September 2021 stammt aus einer Mappe mit 16 Stücken aus der Zeit zwischen 1821 und 1859. Gustav Singer zeichnete am 6. September 1851 einen Tisch und eine Kommode. Auf dem 47,8 x 63,8 cm großen Blatt fertigte Singer mit der Feder die Seitenansicht und Konstruktion des Tisches sowie die Vorder- und Aufsicht sowie einen Schnitt der Kommode an. Bei letztgenannter Darstellung ist als Detail die Funktion der oberen Seitenschubladen hervorgehoben. Gustav Singers Arbeit ist sehr sorgfältig ausgeführt

Die Meisterzeichnungen unterlagen bestimmten Vorgaben der Zunft. Im Vergleich sind alle Kommoden seit 1824 gleich aufgebaut und unterschieden sich höchstens in kleinen Schmuckelementen.


Abb.: „Der Tischler“ (aus: Was willst du werden Was willst du werden? Bilder aus dem Handwerkerleben, Berlin um 1880)

Während die Zünfte auf Stadtebene lokal organisiert waren, überschritten die Vereinigungen der Schreiner- resp. Tischlergesellen diesen engen Rahmen und agierten bei Auseinandersetzungen um Lohn, Arbeitsbedingungen und Fragen der Standesehre mit der Unterstützung ihrer überregionalen Mobilisierungsmöglichkeiten. Kampfmittel waren Streiks in der Form des Auszuges aus der Stadt, vor allem aber „Verrufe“, Schimpfbriefe, die die Betroffenen sozial isolierten und ökonomisch schädigten, indem sie diese zum Beispiel von der Versorgung mit neuen Arbeitskräften abschnitten. Vor allem im 18. Jahrhundert eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen den Meistern und Gesellen des Schreinerhandwerks in zahlreichen, teils heftigen Zwischenfällen.

Die Schreinerzünfte wurden unter der napoleonischen Herrschaft, wie die anderen Zünfte auch, per Dekret aufgehoben. Nach der Niederlage Napoleons wurden die Zünfte wieder eingesetzt – allein wichtige Vorrechte, wie die Zulassung zur Meisterprüfung und ihre Regulierung, z.T. auch die Beschränkung der Beschäftigtenzahl, wurden in vielen deutschen Staaten nicht mehr durchgesetzt. In den 1860er Jahren wurde mit der Einführung der Gewerbefreiheit in den meisten deutschen Staaten das Zunftwesen aufgelöst und die Gesetze der Marktwirtschaft beherrschten auch den Bereich des Tischlerhandwerks.

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Quelle: Stadt Villingen-Schwenningen, Archivale des Monats, 6.9.2021; Art. „Tischler„, in: Wikipedia, 29.8.2021; Christian Zander: Das Tischlerhandwerk in Deutschland (1350-1870), Hamburg 2013; Reinhold Reith, Andreas Grießinger, Petra Eggers: Streikbewegungen deutscher Handwerksgesellen im 18. Jahrhundert, Göttingen 1992.

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