Postkarte von 1918 zeigt Männer und Frauen mit Mund- und Nasenschutz vor Traditionsgaststätte in Bonn

In der Reihe „Zeitfenster“ gewährt das Stadtarchiv Bonn jeden Monat einen Blick in die Vergangenheit Bonns. Im Monat März 2021 präsentiert es eine Ansichtspostkarte aus seiner Sammlung. Bei dem hier abgebildeten Fachwerkhaus handelt es sich um die Gastwirtschaft Zum Alten Keller, eine der ältesten in Bonn. Auf zwei Gefachen prangt die Jahreszahl „1553“, und tatsächlich wird sie um das Jahr 1561 zum ersten Mal erwähnt. Im November 1792 soll Johann Wolfgang von Goethe dort eingekehrt sein: „in Tabak schmauchender, Glühwein schlürfender Gesellschaft“ – wie er später notierte – versuchte er seine Kleidung und sich zu trocknen, nachdem der von ihm angemietete Kahn – er war auf dem Weg nach Düsseldorf – voll Wasser gelaufen war und zu kentern drohte.


Abb.: Postkarte „Gasthof zum alten Keller“ (Stadtarchiv Bonn, DA02_01917), 1918

„Gasthof & Restauration“ ist über der Eingangstür zu lesen. Zimmer mit Frühstück wurden ebenso angeboten wie ein – vermutlich preiswerter – „Mittagstisch“. Die Gaststätte befand sich in der Rheingasse, dem alten Kneipenviertel Bonns, wo Menschen und Waren jahrhundertelang tagein tagaus zwischen der Anlegestelle am Rhein und dem Markt hin und her fluteten. Es war – vom Strom aus betrachtet – das zweite Haus auf der rechten Seite im Bereich der heutigen Oper. Am 18. Oktober 1944 wurde der Alte Keller und mit ihm ein Großteil der historischen Bonner Altstadt bei einem Luftangriff, dem schwersten des ganzen Zweiten Weltkriegs, zerstört.

Die Fotografie, die die Vorlage für die Bildpostkarte gab, stammt von 1918, dem letzten Jahr des Ersten Weltkriegs. Vor der Gaststätte posieren zwei Frauen und zwei Männer, möglicherweise der langjährige Wirt Leopold Passmann mit Gästen oder mit Personal.

Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die abgelichteten Personen einen – uns nunmehr seit einem Jahr so vertrauten – Mund- und Nasenschutz tragen. Der Grund für die Maßnahme war eine Anfang 1918 in den USA ausgebrochene Viruserkrankung, die von Soldaten nach Europa gebracht wurde, sich rasant in weiten Teilen der Welt verbreitete und über die erstmals im Mai 1918 in Spanien offiziell berichtet wurde. Von daher bürgerte sich für diese sich zur Pandemie entwickelnden Krankheit die Bezeichnung Spanische Grippe oder Spanische Influenza ein.

Sie grassierte in Europa vor allem an den unmittelbaren Kriegsschauplätzen, aber auch an der Heimatfront kam es zu zahlreichen Ansteckungen und entsprechenden Maßnahmen. So wurde beispielsweise das Tragen von Mund- und Nasenschutz angeordnet und Großveranstaltungen untersagt.

Am 16. Oktober 1918, wenige Wochen vor Kriegsende, berichtete die Kölnische Volkszeitung aus Bonn, dass die Zahl der Erkrankten „stark“ zunehme: „An der Allgemeinen Ortskrankenkasse werden täglich durchschnittlich 100 Krankheitsfälle angemeldet. Die Leitung der Straßenbahnen kündigt erhebliche Betriebseinschränkungen an. Die Schulen sind heute sämtlich geschlossen worden. In vielen Fällen führt die Grippe zur Lungenentzündung und somit zum Tode.“

Jener Herbst 1918 bildete, soweit man weiß, den Höhepunkt der Spanischen Grippe in Bonn, die erst 1920 endgültig abklang. Weltweit fielen ihr zwischen 27 und 50 Millionen Menschen zum Opfer.

Die Medizin hat mittlerweile eine ganze Reihe von Vergleichbarkeiten zwischen der vor einem Jahrhundert wütenden Spanischen Grippe und der aktuell die Welt in ihrem Bann haltenden, auf das Covid-19 Coronavirus zurückgehenden Pandemie ausgemacht.

Der Umgang mit und die Auswirkungen der Spanischen Grippe sind für Bonn im Einzelnen noch nicht erforscht. Die mit Mund- und Nasenschutz ausgestatteten Frauen und Männer vor der Gaststätte Zum Alten Keller sind vielleicht ein Anreiz hierzu.

Kontakt:
Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn
Berliner Platz 2
53111 Bonn
Tel.: 0228 / 772410
stadtarchiv@bonn.de

Quelle: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn, Zeitfenster, März 2021

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