Hotel Karersee ging 1910 in Flammen auf

Am 15.8.1910 brannte das Hotel „Karersee“ im Südtiroler Rosengarten-Latemargebiet, das erst im Juli 1896 eröffnet worden war und das vielen als das schönste Alpenhotel des Kronlandes galt, binnen weniger Stunden vollständig aus. Das Feuer war in den frühen Morgenstunden vermutlich durch einen Kaminbrand im Dachgeschoß entstanden und breitete sich rasch über das gesamte, 500 Betten fassende Gebäude aus.


Abb.: Hotel Karersee, 15.8.1910 (Archiv Ferrari – Branzoll, Nr. 64/2; Foto: Südtiroler Landesarchiv)

Gäste aus allen Teilen Europas und der Welt erlitten durch den Brand teils empfindliche Verluste, da Teile ihrer Garderobe und andere Mobilien nicht gerettet werden konnten. Zahlreiche Gegenstände wurden aber auch vom Hotelpersonal oder beherzten Gästen aus den Fenstern geworfen. Es scheinen keine Personen zu Schaden gekommen zu sein. Der Bezirkshauptmann von Bozen sandte alle verfügbaren Fahrzeuge zum Unglücksort, um die Gäste vom Karerpass möglichst schnell zu evakuieren. Zeitungen berichteten von einer langen Karawane von Gästen, die in Automobilen, Fuhrwerken oder zu Fuß ins Tal unterwegs waren. Für die etwa 200 Angestellten, die vielfach ihr ganzes Hab und Gut verloren hatten, wurde ein Spendenaufruf gestartet.

Das Grand Hotel Karersee war Ende des 19. Jahrhunderts in Welschnofen bei Bozen an einer Stelle erbaut worden, wo sich im Jahr 1893 noch Sümpfe und Gestrüpp befunden hatten. Auf einer Höhe von 1.630 Metern über dem Meeresspiegel sollte der erste Bau entstehen, der über elektrischen Strom verfügt. Über mehrere Jahre hinweg erbauten vorwiegend einheimische Arbeitskräfte das neue Hotel. Zeitweise waren bis zu 560 Handwerker gleichzeitig auf der Baustelle und wirkten mit, dass das Hotel schließlich am 8.7.1896 feierlich eröffnet werden konnte. Die Feierlichkeiten wurden dem neuen Hotel mehr als gerecht. Im Beisein des mitteleuropäischen Adels konnte das Hotel eröffnet werden. Die Feierlichkeiten hatten mit dem Einbruch der Dunkelheit ihren Höhepunkt. Hunderte von Fenstern des Hotels wurde mit elektrischem Strom erleuchtet – ein absolutes Novum zur damaligen Zeit!

Nur ein Jahr nach Eröffnung des Hotels Karersee wurde in der Hotelanlage eine kleine Kirche errichtet, welche dem Heiligen Josef geweiht wurde. Gleich zu Beginn des 20. Jahrhundert erhielt die Hotelanlage noch Tennisplätze und einen 9-Loch-Golfplatz, welcher nach amerikanischem Vorbild angelegt wurde. Auch die Umgebung des Hotels wurde durch die Anlage eines Parks, Wegen, Wiesen und eines Spielplatzes aufgewertet.

Nur wenige Tage nach dem verheerenden Brand vom August 1910 wurde mit der Ermittlung der Brandursache begonnen, einige Hotelgäste strengten in den folgenden Monaten Prozesse mit Schadensersatzklagen an. Bereits im Jahr darauf wurde mit dem Wiederaufbau des Hotels, das Eigentum des Vereins für Alpenhotels in Meran war, begonnen, im Sommer 1912 fand die Wiedereröffnung statt. Und wie zuvor strömten betuchte und auch berühmte Gäste ins Hotel. Kaiserin Elisabeth war Ende des 19. Jahrhunderts im Hotel abgestiegen, ebenso wie Karl May, Agatha Christie oder Winston Churchill. Während das Gebäude in Kriegszeiten militärisch genutzt wurde, diente es in der Zwischenkriegszeit und auch nach 1945 wieder der Beherbergung von Gästen, doch nahm die Rentabilität des Betriebes im Lauf der Jahre ab. Zu Beginn der 1960er wurden das Gebäude und der zugehörige Grund parzelliert und stückweise verkauft. Daher sind heute viele der ehemaligen Zimmer in private Appartements umgewandelt, während ein Teil des Hauses weiterhin als Hotel genutzt wird.

Kontakt:
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39100 Bozen
Italien
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Quelle: Grand Hotel Karersee, in: Rosengarten- und Matemargebiet, o.D.; Südtiroler Landesarchiv, Archivale des Monats August 2021, 5.8.2021

Schulheft von 1953 für das Stadtarchiv Eppstein

„Im schönsten Teile des Taunusgebirges liegt im Treffpunkt dreier tief einschneidender Täler, beschützt von dem felsgekrönten Rossert und dem waldumrauschten Staufen, das kleine Städtchen Eppstein. Mit seiner Burgruine ist es ein beliebtes Ausflugsziel.“

Was sich wie ein Zitat aus einem Werbeprospekt anhört, stammt aus der Feder eines Schülers. „Eppstein im Wandel der Zeiten“ heißt das liebevoll mit Zeichnungen und eingeklebten Bildern ausgeschmückte Heft von Bodo König. Seine Jahresarbeit von 1952/53 entdeckte vor einiger Zeit seine Witwe Anita König, die am Niederrhein wohnt. Sie hat die schülerische Meisterleistung dem Stadtarchiv Eppstein vermacht.


Abb.: Schüler Bodo König (1936-2020) hat sein Heftchen sorgfältig beschriftet und mit einem Siegelband versehen (Foto: Stadt Eppstein)

„Es ist nicht einfach, Eppsteins Geschichte so verständlich zusammen zu fassen, wie es der Schüler Bodo König vermochte“, staunt Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith. Besonders rührt sie das Nachwort: „Es gibt auch jetzt noch viele Menschen, die den Wert noch nicht kennen gelernt haben, den alte bauliche Sehenswürdigkeiten ausstrahlen.“ Der damals 16-jährige Bodo König wollte mit seiner Arbeit, so schreibt er „auf die Schönheit diese Erdenfleckchens“ hinweisen. Auch Eppsteins Kulturdezernentin Sabine Bergold freut sich über den Neuzugang: „Es ist wichtig, dass solche kleinen Kostbarkeiten nicht einfach verschwinden, sondern den Weg in unser Stadtarchiv finden.“ Auch in der Nachkriegszeit hätten Schüler sich nicht nur mit Heimatgeschichte befasst, sondern auch deren Wert erkannt.


Abb.: Schüler Bodo König hat seinen Aufsatz „Eppstein im Wandel der Zeiten“ auch mit eigenen Skizzen ausgestattet (Foto: Stadt Eppstein)

Gebunden ist die Arbeit mit einem Lederriemen, an die König auch noch ein Siegel gebastelt hat. Eingeklebt hat der Schüler auch ein kleines Bilderalbum „Luftkurort Eppstein – die Perle des Taunus“. Das hatte der Verschönerungsverein damals herausgegeben.

Anita König erzählt, dass die Eltern ihres Mannes nach dem Krieg als Geflüchtete nach Eppstein kamen. Anita König stammt aus Emmerich und hat ihren Mann beim Wandern im Schwarzwald kennen gelernt. Die Eltern verboten, dass sich die jungen Leute schrieben. „Aber dann kam Bodo an einem Sonntag bis zu mir nach Emmerich gefahren – die lange Strecke mit einem klapprigen Moped“, erinnert sie sich. Schließlich zog auch sie nach Eppstein, und sie heirateten. „Das war damals schwierig, da ich katholisch und mein Mann evangelisch war.“ Die Ehe hielt 62 Jahre bis zum Tod ihres Mannes im Mai 2020. Seine Schularbeit hat nun seinen Weg zurück nach Eppstein gefunden.

Kontakt:
Stadtarchiv Eppstein (Taunus)
Rossertstraße 21 (Rathaus II)
65817 Eppstein (Taunus)
Telefon 06 198 305 131
Fax 06 198 305 106

Quelle: Tanja Hahn-Jacobi: Eppsteiner Schulheft von 1953 für das Stadtarchiv, Stadt Eppstein, 27.5.2021; Wiesbadener Kurier, 9.8.2021

Skortationsprotokolle 1653 bis 1795 aus Weil der Stadt

Im Archivbestand der Stadt Weil der Stadt finden sich Skortationsprotokolle. Das im heutigen Sprachgebrauch völlig unbekannte Wort „Skortation“ hat seine Wurzeln im lateinischen „scortum“, was eigentlich Fell, Haut oder Leder bedeutet, im übertragenen Sinn jedoch für eine Hure oder Dirne verwendet wird. Das deutsche Rechtswörterbuch beschreibt die „Skortation“ als den „außerehelichen Beischlaf“, der meist nur im Falle einer daraus resultierenden unehelichen Schwangerschaft der Frau bekannt wurde und auf den die „Skortationsstrafe“, also die Strafe für eine begangene Skortation, stand.

Zu diesen „Skortationen“ befindet sich im Stadtarchiv Weil der Stadt im Bereich der Aktenüberlieferung des 18. Jahrhunderts ein Bestand an vier Archivboxen mit „Skortationsprotokollen“, der die Jahre 1653 bis 1755 umfasst. Diese Protokolle sind fadengeheftet und umfassen meist zwischen zwei und sechs Blatt, in manchen Fällen sind sie auch umfangreicher. In den Protokollen werden die Befragungen zum Zwecke der Aufklärung eines Ehebruchs bzw. einer unehelichen Schwangerschaft verschiedener Zeugen durch ein Gremium als eine Art Gedächtnisprotokoll dokumentiert. Im Falle eines vom Stadtarchiv Weil der Stadt als Archivale des Monats August 2021 vorgestellten Protokolls aus dem Jahre 1755 besteht dieses Gremium aus dem Stadtschultheißen Gall sowie dem Ratsschreiber („Syndicus“) Keßler. Sowohl die offenkundig schwangere Anna Maria als auch weitere Zeugen wurden vernommen, die Fragen und Antworten kann man der Transkription des Stadtarchivs Weil der Stadt entnehmen.



Abb.: Skortationsprotokoll aus dem Juni 1755 (WA1 – Alte Akten Weil der Stadt)

Man könnte diese Skortationsprotokolle auch als die entsprechenden „Ermittlungsakten“ der jeweiligen Fälle an Ehebruch oder unehelichen Schwangerschaften bezeichnen.

Das Thema der unehelichen Schwangerschaften war gesellschaftlich und moralisch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein hochbrisantes Thema. Auch die rechtliche Würdigung unterschied bis in die Zeit der Bundesrepublik zwischen ehelich und unehelichen Kindern. Die gesellschaftliche Ächtung und die Bedeutung einer unehelichen Schwangerschaft fand auch Eingang in die Literatur und wird zum Beispiel in Goethes „Faust“ am Beispiel des Gretchens deutlich.

Auch in Weil der Stadt findet sich das Thema der unehelichen Schwangerschaften in diversen Überlieferungen, zum Teil nehmen diese Themen einen sehr breiten Raum ein. Die Waisengerichtsprotokolle befassen sich mit diesem Thema, auch in den Ratsprotokollen (vgl. dazu Archivalie des Monats Juni 2020 Ehebruch des Glasers Johann Jakob Cringer im Ratsprotokoll Weil der Stadt des Jahres 1657) wurden diese Fälle bzw. die Konsequenzen und Folgen aus den jeweiligen Ermittlungen ausführlich verhandelt.

Kontakt:
Stadtarchiv Weil der Stadt
Stadtarchivar Mathias Graner
Kapuzinerberg 1
71263 Weil der Stadt
Tel.: 07033 309188
Fax: 07033 309190
stadtarchiv@weilderstadt.de

Quelle: Weil der Stadt, Archivale des Monats August 2021, 30.7.2021

Stadtarchiv Heidelberg präsentiert »Das Heidenloch« als Graphic Novel

Unheimliche Schattenwesen steigen nachts von den Hängen des Heiligenberges und terrorisieren die Bewohner von Handschuhsheim. Zurück bleiben am Morgen nur eine Spur der Verwüstung und schrecklich zugerichtete Leichen. Als ein Archivmitarbeiter in einer alten Akte über einen Bericht zu den schrecklichen Ereignissen stolpert, die sich 1907 zugetragen haben sollen, packt ihn die Neugier. Immer tiefer dringt er in das Rätsel vor, das seinerzeit Polizei, Stadtverwaltung und Wissenschaft vor eine schier unlösbare Aufgabe stellte…

Der im Jahr 2000 erschienene fantastisch-mythologische Roman „Das Heidenloch“ von Autor Martin Schemm war unter der Mitarbeit von Eberhard Reuß 2009 bereits erfolgreich als SWR-Hörspiel umgesetzt worden und 2017 als E-Book erschienen. Nun wurde das Buch nach drei Jahren intensiver Arbeit am 21. Juli 2021 als Band 25 der Sonderveröffentlichungsreihe des Stadtarchivs Heidelberg als Graphic Novel veröffentlicht und am Heidenloch der Öffentlichkeit präsentiert. „Das Heidenloch“ ist die fiktive Aufdeckung einer Geheimakte. Durch die mitreißenden Illustrationen von Wolfram Zeckai (Designgruppe Fanz + Neumayer), eingebettet in historische Aufnahmen der Originalschauplätze, taucht der Leser ein in ein unheilvolles Rätsel, das ihm Seite um Seite Schauer über den Rücken jagt.


Abb.: „Das Heidenloch. Heidelberg Graphic Novel nach dem erfolgreichen fantastisch-mythologischen Roman von Martin Schemm“ (48 Seiten mit 225 Illustrationen und Zeichnungen von Wolfram Zeckai, fester Einband. ISBN 978-3-95505-284-3. 16,90 Euro).

Heidelbergs Kulturbürgermeister Wolfgang Erichson: „Der Roman ‚Das Heidenloch‘ sorgte schon im Jahr 2000 für ein schauerliches Leseerlebnis, wurde sogar mit dem Alien-Contact-Award des gleichnamigen Magazins ausgezeichnet und entwickelte sich schnell zum Bestseller der Schriftenreihe. Die SWR-Vertonung als Kurpfälzer Gruselhörspiel und auch die Neuauflage als E-Book, bereits ergänzt durch Illustrationen der Designgruppe Fanz und Neumayer, verliehen Heidelbergs eigenem Schauderepos weiteren Aufschwung. Die Veröffentlichung des Stoffs als Graphic Novel ist dabei der nächste logische Schritt und sicher nicht der Schlusspunkt in der Geschichte ‚Das Heidenloch‘ um die furchterregenden Lästrygonen.“

Dr. Peter Blum, Leiter des Heidelberger Stadtarchivs: „Die fantastische Mischung aus Fiktion und Fakten in ‚Das Heidenloch‘ sorgt für düstere Spannung und vermittelt Authentizität. Das ist letztlich genau das, was Besucherinnen und Besucher des Archivs bei ihren Recherchen tagtäglich erleben. Die Motivation des Archivs als Herausgeber einer derartigen Mystery-Story zielte darum von Anbeginn auch darauf ab, vermeintliche Barrieren abzubauen und den allseits erwarteten Archivstaub etwas abzuschütteln.“

Um das real existierende Heidenloch ranken sich seit Jahrhunderten verschiedene Legenden. Auch der französische Dichter Victor Hugo berichtete von der unheimlichen Atmosphäre am Heidenloch bei einer nächtlichen Wanderung auf dem Heiligenberg. Die Entstehungsgeschichte des rund 56 Meter tiefen Schachts ist nach jüngsten Erkenntnisse eher nicht auf einen heidnischen Ursprung zurückzuführen. Er wurde wahrscheinlich in der Mitte des 12. Jahrhunderts als Brunnen angelegt, um das nahe gelegene Stephanskloster mit Wasser zu versorgen. Wenig ergiebig wurde der Brunnen kurze Zeit später wieder aufgegeben und mit allerlei Schutt und Hausrat verfüllt. Der Brunnenmantel am Fuße des Heidenlochs wurde beim Ausräumen entfernt und im Kurpfälzischen Museum wiederaufgebaut. Zuletzt starteten die Fachleute des Museums zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg eine filmische Expedition in das Heidenloch. Daraus hervorgegangen ist die achtminütige Filmdokumentation „Rätselhaftes Heidenloch“ mit 3D-Aufnahmen aus dem Schacht. Das Video kann auf der Webseite des Kurpfälzischen Museums und auf Youtube angesehen werden.

Info:
„Das Heidenloch. Heidelberg Graphic Novel nach dem erfolgreichen fantastisch-mythologischen Roman von Martin Schemm“ (48 Seiten mit 225 Illustrationen und Zeichnungen von Wolfram Zeckai, fester Einband. ISBN 978-3-95505-284-3. 16,90 Euro) erscheint im Verlag Regionalkultur.

Kontakt:
Stadtarchiv Heidelberg
Max-Joseph-Straße 71
69126 Heidelberg
Tel.: 06221 58-19800
stadtarchiv@heidelberg.de

Quelle: Stadt Heidelberg, Pressemitteilung, 22.7.2021; Rhein-Neckar-Zeitung, 5.8.2021

Historisches »Stadtarchiv Mainzer Zeit« vollständig inventarisiert

100.000 Seiten „erschlossen“ – Neue Erkenntnisse zur Residenzstadt Aschaffenburg zu erwarten.

Am 31.7.2021 endete im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg ein mit Hausmitteln und Fördergeldern des Bezirks Unterfranken finanziertes Projekt zur Erschließung des „Stadtarchiv Mainzer Zeit“. Es ist neben dem Stiftsarchiv der zweite große historische Quellenbestand in Aschaffenburg.

Die Sammlung enthält vor allem das Schriftgut der städtischen Verwaltung aus der Zeit der Stadtherrschaft unter den Mainzer Erzbischöfen und Kurfürsten bis zum Übergang an das Königreich Bayern, also infolge des Pariser Vertrages vom 3. Juni 1814. Die ältesten Stücke reichen dabei bis ins 14. Jahrhundert zurück.


Abb.: Rechenbücher des Aschaffenburger Stadtbaumeisters aus den Jahren 1759-1765 (Foto: Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg)

Aufgrund seines Umfangs und seines guten Erhaltungszustands ist das „Stadtarchiv Mainzer Zeit“ von grundlegender Bedeutung für die Erforschung der Residenzstadt Aschaffenburg im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit. Einen Eindruck hiervon vermitteln etwa die zahlreichen, bislang in der Tiefe nicht erschlossenen städtischen Rechnungsbücher, die vereinzelt bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts zurückreichen und ab den 1770er Jahren fast vollständig erhalten sind.

„Die Inventarisierung des Stadtarchivs Mainzer Zeit ist ein großer Glücksfall für die Stadtgeschichte“, betont der für die städtische Digitalstrategie zuständige Bürgermeister Eric Leiderer.  „Sie ist nur möglich gewesen durch die großzügige Unterstützung des Bezirks Unterfranken. Mit einem derzeit laufenden Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhoffen wir uns die vollständige Digitalisierung des Bestands und einen großen Mehrwert für alle Forscherinnen und Forscher.“

„Insgesamt handelt es sich um mehr als 100.000 Seiten, darunter 200 Pergamenturkunden, die der Projektmitarbeiter Michael Schlachter in den vergangenen neun Monaten durchgesehen und erschlossen hat“, ergänzt Archivdirektor Dr. Joachim Kemper. „In nächster Zeit wird eine durch Bundesmittel geförderte konservatorische Bearbeitung das Stadtarchiv Mainzer Zeit auch für die Dauer sichern, indem die Quellen trockengereinigt werden.“

Neben der Stadtgeschichte sind die Bestände im „Stadtarchiv Mainzer Zeit“ auch für die Geschichte des Mainzer Erzstifts von Bedeutung. Nach dessen Auflösung im Jahr 1814 wurde tonnenweise Material der erzbischöflichen Archive zu Aschaffenburg unwiderruflich eingestampft oder verkauft. Als Glücksfall erwies sich jedoch die teilweise Verwendung als Tapetenunterlage im Schloss Johannisburg, wo man durch Zufall in den 1930er Jahren auf diese Hinterlassenschaft stieß. Den Schwerpunkt machen dabei Kopien von Rechnungsbüchern sowie Korrespondenzen des kurfürstlich-mainzischen Hofkriegsrats aus.

Link: Das Findbuch des Stadtarchiv Mainzer Zeit (SMZ, Stand 2021) ist auch in den digitalen Findmitteln des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg zu finden.

Kontakt:
Stadt- und Stiftsarchiv
der Stadt Aschaffenburg
Wermbachstraße 15
63739 Aschaffenburg
Telefon: +49 6021 4561050
stadtarchiv@aschaffenburg.de
stadtarchiv-aschaffenburg.de

Quelle: Stadt Aschaffenburg, Pressemitteilung, 19.7.2021

Neuer Leiter des Stadtarchivs Schopfheim

Seit 1.7.2021 ist Johann Löwen neuer Leiter des Stadtarchivs der Stadt Schopfheim. Er folgt damit auf Dr. Ulla K. Schmid, die am 1.8.2021 ihren wohlverdienten Ruhestand angetreten hat. Der 37-Jährige Johann Löwen war bis zuletzt für sechs Jahre als Stadtarchivar bei der Stadt Lörrach tätig. Dort hat er nach seinem Studium der Politikwissenschaften in Bayern seine Ausbildung zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste der Fachrichtung Archiv absolviert.


Abb.: Johann Löwen archiviert nunmehr die Akten der Stadtverwaltung Schopfheim (Foto: Stadt Schopfheim)

Seine Vorgängerin in der südwürttembergischen Stadt im Dreiländereck, Dr. Ulla K. Schmid (Jahrgang 1955), hatte in Freiburg Ethnologie und Geografie studiert. 1986 übernahm sie die Leitung des Schopfheimer Museums, 1993 zusätzlich die Führung des Stadtarchivs. Zahlreiche Ausstellungen hatte sie seither konzipiert, darunter u.a. zur 1848er-Revolution.

Johann Löwen wird als Leiter des Stadtarchivs Schopfheim zukünftig den Fokus auf die Digitalisierung legen. Eine weitere Priorität ist es, zeitnah den Benutzerdienst an die Bedürfnisse und Anforderungen der Kunden anzupassen. Diese ändern sich zunehmend hin zu digitalen Dienstleistungen. Hierzu gilt es die internen Prozesse anzupassen, so dass es möglich ist, neben den Vor-Ort-Besuchen auch Anfragen digital zu beantworten. Dies gilt nicht nur für die externen Kunden, sondern auch für die internen Fachbereiche und Fachgruppen in der Stadtverwaltung.

Auch optisch hat der neue Archivar, der bereits in Schopfheim wohnte, das Archiv etwas umgestaltet. Neben neuer Möblierung schmücken nun Werke lokaler Künstler aus der städtischen Bildersammlung die Wände des Archivs sowie seines Büros. Geplant ist auch, diese Schätze im Rahmen einer halbjährlichen Wechselausstellung zu veröffentlichen.

Kontakt:
Stadt Schopfheim
(ehemaliges Amtsgericht)
Stadtarchiv
Johann Löwen, Leitung Archiv
Hauptstraße 29
79650 Schopfheim
Telefon: 07622 396-190
Fax: 07622 396-201
j.loewen@schopfheim.de

Quelle: Stadt Schopfheim, Aktuelle Meldung, 5.8.2021; Badische Zeitung, Interview mit Ulla K. Schmid, 17.6.2017; Badische Zeitung, 4.8.2021

Parallelen zwischen den Morden an Erzberger und Lübcke?

„Dieser Feind steht rechts“. – SWR2 True Crime-Podcast „Sprechen wir über Mord?!“.

Lassen sich rechtsextreme Verbrechen vergleichen? Gibt es Parallelen zwischen den Morden rechtsextremer Täter in der Weimarer und in der Bundesrepublik? Mit einer Sonderfolge erinnert der SWR2 True Crime-Podcast „Sprechen wir über Mord?!“ an die Attentate auf Matthias Erzberger und Walter Lübcke, zwischen denen rund einhundert Jahre liegen. In der aktuellen Folge, die seit 2.8.2021 abrufbar ist, ordnen Spezialisten aus Justiz und Geschichtswissenschaft die beiden Morde juristisch und gesellschaftspolitisch ein.

Vor 100 Jahren, am 26. August 1921, töteten Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz heimtückisch den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger bei Bad Griesbach im Schwarzwald durch mehrere Schüsse aus nächster Nähe. Die Mörder waren Mitglieder der rechtsterroristischen „Organisation Consul“. Ihnen galt Erzberger als „Novemberverbrecher“, weil er am 11. November 1918 das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne unterzeichnet hatte – als Zivilist; kein Militär fand sich dazu bereit. Am 2. Juni 2019 erschoss der Neonazi Stephan Ernst den Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf der Terrasse seines Hauses. Lübcke war in der rechten Szene zum Todfeind erklärt worden, weil er sich öffentlich für die Rechte von Geflüchteten eingesetzt hatte.

Abb.: Die Politiker Walter Lübcke (1953-2019) und Matthias Erzberger (1875-1921) in einer Montage (Foto: Socher/Eibner-Pressefoto und picture alliance / akg-images | akg-images)

In Zentrum der aktuellen Folge des SWR2 True Crime-Podcasts „Sprechen wir über Mord?!“ steht die Frage nach möglichen Parallelen der beiden Bluttaten. Diese Frage erörtern der Jurist und ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer, der Leiter des Generallandesarchivs Karlsruhe Wolfgang Zimmermann, Heike Borufka, Gerichtsreporterin des Hessischen Rundfunks, und ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt (SWR). Sie diskutieren über Hintergründe, Zusammenhänge und mögliche Kontinuitäten rechter Gewalt in Deutschland.

Thomas Fischer stellt eine direkte Parallelisierung zwar in Frage, betont aber gewisse Kontinuitäten. Über rechtsradikale Täter von heute sagt er: „Das sind runtergekommene Gestalten, die meinen, mit solcher Symbolik sich gegenseitig aufputschen zu können. Rechtsradikale lieben Symbolik. Deshalb werden solche Bilder gesucht […] Es geht darum, zu sagen: ‚Da könnt ihr mal sehen, wir machen das so wie damals, weil wir sozusagen die legitimen Erben dieser großen deutschen Bewegung sind.‘ Und die Leute, die ihr ganzes Leben damit verbringen, nach solchen Fetischen zu suchen, die hören das.“ Der ehemalige Vorsitzende Bundesrichter warnt aber davor, „dass man aus solchen Mördertypen oder Mordkomplotten nichts Größeres macht als es ist. […] Jetzt zu sagen: Wie weit sind wir schon auf dem Weg von der Weimarer Republik zum endgültigen Zusammenbruch der Demokratie, das würde ich für sehr gefährlich halten. Und man sollte diesen Dingen nicht mehr ‚Ehre‘ zukommen lassen, als sie verdienen.“

Wolfgang Zimmermann, Leiter des Generallandesarchivs Karlsruhe, rät dennoch zur Wachsamkeit: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber auf Parallelen kann man schon mal schauen. […] Die Parallelitäten machen uns dafür sensibel, Vorwarnsysteme zu entwickeln. Und als Historiker weiß ich, es sind Dinge denkbar, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Dies gilt auch für die Weimarer Republik: Hätte man da eine wehrhafte Demokratie gehabt, hätte man vielleicht noch Dinge verhindern können, die nachher nicht mehr zu verhindern waren. Auch wenn unsere Demokratie heute gesichert ist, so gilt: Das ist kein Selbstläufer.“

Info:
Die aktuelle Folge des Podcasts steht seit dem 2. August 2021 in der ARD-Audiothek und auf www.SWR2.de zur Verfügung.

Im SWR2 True Crime Podcast „Sprechen wir über Mord?!“ diskutieren der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer und ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt alle 14 Tage spektakuläre Kriminalfälle und ordnen sie juristisch ein. Alle Folgen sind in der ARD-Audiothek und auf SWR2.de zu hören.

Kontakt:
Landesarchiv Baden-Württemberg
Abteilung Generallandesarchiv Karlsruhe
Nördl. Hildapromenade 3
76133 Karlsruhe
Tel. +49 721 926-2206
Fax +49 721 926-2231
glakarlsruhe@la-bw.de

Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Nachrichten, 2.8.2021

Das historische Bildarchiv des Elektrizitätswerks im Stadtarchiv Zürich

arché No 3 – „Elektrizität und kein Ende!“ – Wasserkraft für die Stadt Zürich.

Die dritte Ausgabe der Zeitschrift arché des Stadtarchivs Zürich zeigt unter dem Titel „Elektrizität und kein Ende!“ – Wasserkraft für die Stadt Zürich Fotografien aus dem historischen Bildarchiv des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich ewz und setzt sie mit thematischen Artikeln zur Elektrifizierung Zürichs in eine historische Perspektive.

Das heute im Stadtarchiv Zürich aufbewahrte ewz-Bildarchiv zeigt Fotografien der Landschaften aus allen Bauzonen der Zürcher Wasserkraftwerke; die Bilder dokumentieren die Zeit von ungefähr 1900 bis in die Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Ende des 19. Jahrhunderts beschloss die Zürcher Gemeindeversammlung, die Stadt mit elektrischem Strom zu beleuchten. Mit dem Bau des Letten-Kraftwerks 1892 konnte ein Teil des benötigten Stroms erzeugt werden – es war auch die Geburtsstunde des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (ewz). Am 1. Januar 1893 wurde das ewz eine eigene Dienstabteilung.

Doch erst der Beschluss zum Bau des Albula-Kraftwerks 1906 markierte den großflächigen Beginn der Elektrifizierung der Stadt. Dieser erste Kraftwerk-Bau war gleichzeitig auch der Beginn einer engen und bis heute andauernden Beziehung zwischen der Stadt Zürich und den Bündner Konzessionsgemeinden, die große bauliche und gesellschaftliche Veränderungen mit sich brachte.


Abb.: Albulawerk, Maschinenhaus und Druckleitung Sils im Domleschg mit ursprünglichem Flussverlauf und Fabrikkanal, ca. 1911. Architekt war der frühere Stadtbaumeister und ETH-Professor Gustav Gull, der auch das Landesmuseum und die Sternwarte geplant hatte. Es ging 1909 in Betrieb (Foto: Stadtarchiv Zürich; V.G.c.161.:4.3.04736.)

Die Kraftwerke Mittelbünden umfassen heute sechs Kraftwerke und nutzen die Gewässer der Albula, der Julia und des Heidbachs. Die Albula-Bauarbeiten begannen 1906 und wurden mit dem Maschinenhaus Sils im Domleschg 1909 in Betrieb gesetzt. Das Heidsee-Kraftwerk bei Lenzerheide war als Ergänzung des Albulawerks bei Wasserknappheit im Winter gedacht; es wurde mit dem Maschinenhaus Solis 1920 in Betrieb genommen.

Das von 1922 bis 1926 vom ewz gebaute Wasserkraftwerk im Wägital (Schwyz) legte den Grundstein modernster Technik und neuester Bauverfahren. Die kolossale Staumauer im hintersten Winkel des Kantons Schwyz, die Stollen und Druckleitungen sowie die Prunkbauten der Maschinen- und Schalthäuser suchten in Europa ihresgleichen. Das neue Kraftwerk war zudem die damals größte elektrische Kraftanlage der Schweiz und repräsentierte den nationalen Technikstolz der Zwischenkriegszeit. Doch das Kraftwerk Wägital steht auch für die Umsiedlung und Flutung eines ganzen Tals und die Konflikte, die solche Projekte mit sich bringen.

Das Julia-Werk war eine weitere Ausbauetappe der Kraftwerke Mittelbünden. Mittelpunkt ist dabei das 1954 vollendete Speicherwerk Marmorera auf der Julierpassstrecke, das wie im Wägital eine Umsiedlung des gleichnamigen Dorfs nach sich zog. Der damals einzigartige Erddamm Castiletto hält mit den Marmorera-Stausee 60 Millionen Kubikmeter Wasser zurück.


Abb.: Staumauer und Stausee Albigna, Blick gegen Cima dal Cantun, Cima di Castello und Pizzo di Zocca, 1960 (Foto: Stadtarchiv Zürich; V.G.c.161.:1.14.01439)

Mit den Bergeller Kraftwerken beendete das ewz seinen Wasserkraft-Ausbau. Das Bündner Südtal Bergell mit seiner Länge von 12 Kilometern und einem Gefälle von 1.400 Metern bot ideale Bedingungen für Wasserkraftwerke. Die vier Werke Löbbia, Castasegna, Lizun und Bondo umfassen auch den Staudamm und Speichersee Albigna auf 2.167 Metern Höhe mit einer Gewichtsstaumauer, die fast 70 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhält. Die reine Bauzeit für den Albigna-Staudamm dauerte von 1955 bis 1959. Die gesamten Bergeller Kraftwerke wurden 1961 eingeweiht.

Die Aufnahmen sind nicht nur Zeitzeugen des gigantischen technischen Fortschritts im 20. Jahrhundert. Sie zeigen die schwierigen Bedingungen des Bauens und implizit auch den Zusammenprall von Natur, Mensch und Technik, Tradition und Moderne.

Info:
Die Ausgabe 3 von arché („Elektrizität und kein Ende!“ – Wasserkraft für die Stadt Zürich) steht als E-Paper / PDF hier zum Download bereit.

Online findet man auch Informationen zur gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 24. September 2021 im Haus Neumarkt 4 zu sehen ist.

Weitere Bilder aus dem historischen Bildarchiv des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich ewz findet man ebenfalls online.

Gedruckte Exemplare von arché Nr. 3 können für 25.- CHF pro Stück plus Portokosten (4.- CHF) mit einem Formular von dieser Seite bestellt werden.

Kontakt:
Stadtarchiv Zürich
Neumarkt 4
Haus zum untern Rech
8001 Zürich
Telefon +41 44 415 16 46
Fax +41 44 415 16 49

Quelle: Stadtarchiv Zürich, Berichte aus dem Stadtarchiv, Juni 2021

München behält Stadtarchiv und bekommt Institut für Stadtgeschichte

Das Stadtarchiv München bleibt unabhängig und wird weiterhin archivfachlich geleitet. Zusätzlich wird zum 1.1.2022 im Kulturreferat ein „Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur“ gegründet. Zu diesem Zweck werden die Aufgaben und Kapazitäten des Sachgebietes „Zeitgeschichte“ des Stadtarchivs zum genannten Zeitpunkt auf das Münchner Kulturreferat übertragen.

Dieser nunmehr gegen die Stimmen von CSU, ÖDP/München Liste, Freie Wähler, FDP – BAYERNPARTEI, DIE LINKE und AfD gefasste Beschluss des Münchner Stadtrats in der öffentliche Sitzung der Vollversammlung am 28.7.2021 dürfte überregional Beachtung finden, mutmaßt die Süddeutsche Zeitung: „Schließlich hatte sich die grün-rote Koalition vorgenommen, das größte Kommunalarchiv Deutschlands grundlegend umzukrempeln und umzusiedeln. Das war auf scharfe Kritik in Fachkreisen gestoßen. Der nun verabschiedete Kompromiss soll die unabhängige Dokumentation des behördlichen Alltags erhalten und die geschichtliche Aufarbeitung der Vergangenheit der Stadt noch einmal stärken.“


Abb.: Blick in den Lesesaal des Stadtarchiv München (Foto: Stadtarchiv München)

Der von der Stadtregierung unter Oberbürgermeister Dieter Reiter eingebrachte Beschluss modifizierte dabei einen zwei Jahren alten Antrag der Fraktion Die Grünen – Rosa Liste, der vorgesehen hatte, das Stadtarchiv München zu einem Institut für Stadtgeschichte weiterzuentwickeln.

Die ausführliche Beschlussvorlage legte das Aufgabenspektrum des Stadtarchivs dar und beschrieb u.a. die Aktivitäten auf dem Gebiet der Erinnerungskultur: Durch eigene Ausstellungen und Publikationen leiste das Stadtarchiv wichtige Forschungsarbeit. Es erstelle Gutachten für die Stadtverwaltung, stelle Unterlagen für die Benutzung durch ein breites Publikum bereit und vermittele seine Bestände auch durch Vorträge, Medienbeiträge und Publikationen an die historisch interessierte Öffentlichkeit. Durch schulpädagogische Veranstaltungen und Seminare in den Hochschulen und der Erwachsenenbildung würden Interessenten an die Arbeit mit Archivalien herangeführt, elementare Kenntnisse der Historischen Grundwissenschaften sowie Themen aus der Münchner Stadtgeschichte vermittelt. In enger Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde, u.a. bei der Beratung über Gedenktafeln, Denkmäler oder Inschriften im städtischen Fachgremium AG Gedenktafeln und bei Straßenbenennungen, leiste das Stadtarchiv seit vielen Jahren auch einen wesentlichen Beitrag zur Münchner Erinnerungskultur. Das Stadtarchiv München arbeite aber nicht nur mit dem Kulturreferat eng zusammen, sondern auch mit anderen Referaten. So bestünde z.B. mit dem Kommunalreferat eine enge und beständige Kooperation beim Thema Straßennamen und Straßenumbenennung, ebenso mit dem IT-Referat beim Thema E-Akte.

Mit dem jetzt gefassten Beschluss verbleibt das in Schwabing angesiedelte Stadtarchiv München mit seiner Querschnittsfunktion im Direktorium und damit in der Verantwortung des Oberbürgermeisters. Nunmehr muss noch eine neue Archivleitung für das Stadtarchiv mit seinen rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefunden werden. Im Rathaus gehe man davon aus, so wusste es die SZ, dass eine interne Besetzung jetzt sehr schnell geschehen könnte.

Kontakt:
Landeshauptstadt München
Direktorium
Stadtarchiv
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80797 München
Leitung: Dr. Manfred Heimers (kommissarisch)
stadtarchiv@muenchen.de

Quelle: SZ, 3.8.2021; Stadtrat München, Öffentliche Sitzung der Vollversammlung, 28.7.2021

Flut-Katastrophe legt altes Nazi-Versteck in Hagen frei

Zuvor bereits Fundstücke aus der Zeit des Kriegsendes wiederentdeckt.

Das Hochwasser in NRW hatte katastrophale Auswirkungen auch auf die Stadt Hagen. In Hagen-Eckesey brachte die Flut ein „geheimes Nazi-Geheimversteck“ zur Vorschein, wie Der Westen in dramatisierender Tautologie aus einem Artikel der Westfalenpost berichtet. Die Funde seien nach dem Hochwasser in NRW in einer aufgeweichten Rigipswand gefunden worden.


Abb.: RTL-Filmbericht (nach Werbung): „Spektakulärer Fund in Hagen: Hochwasser spült geheime Nazi-Dokumente frei“

Ein mittlerweile nicht mehr funktionstüchtiger „Revolver, Schlagringe, penible Dokumentationen über den Stand von Schwangerschaften der Frauen im Stadtteil, noch originalverpackte Gasmasken oder Protokolle über Lebensmittelrationierungen sowie Briefe von und zur Front“ seien im Zuge der Aufräumarbeiten gefunden worden. Die Gegenstände waren offenbar seit Ende des Zweiten Weltkrieges dort versteckt gewesen. Ein Geschichtslehrer entdeckte nun die Utensilien, die vermutlich vor den im April 1945 auf Hagen vorrückenden US-amerikanischen Truppen versteckt worden sind. Die Fundstücke wurden dem Stadtarchiv Hagen übergeben.


Abb.: Luftaufnahme der Stadt Hagen am Tag nach dem britischen Luftangriff vom 15. März 1945 (Foto: Stadtarchiv Hagen)

Mitte März 1945 war die südwestfälische Großstadt Hagen von einem letzten britischen Luftangriff getroffen worden. Das Bombardement forderte fast 700 Tote. Große Teile der Innenstadt und der angrenzenden Stadtviertel lagen in Trümmern. Ein halbes Jahr später wird bei Aufräumarbeiten vor dem Bunker in der Körnerstraße eine Taschenuhr bei einer männlichen Leiche gefunden, stehengeblieben am 15. März 1945 um 20.32 Uhr. Die Geschichte hinter der Uhr entdeckt das Stadtarchiv Hagen erst 75 Jahre später.


Abb.: Die Taschenuhr wurde bei Aufräumarbeiten vor dem Bunker in der Körnerstraße in der Tasche einer unbekannten, männlichen Leiche gefunden, stehengeblieben am 15. März 1945 um 20.32 Uhr (Foto: Peter Fröhlich, Landesarchiv NRW)

Bei Recherchen in den Akten der Hagener Polizei im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen – Abteilung Westfalen in Münster im Oktober 2020 sichtete das Team des Hagener Stadtarchivs auch Akten, die sich mit der Bergung der Opfer des Luftangriffs am 15. März 1945 befassten. „In den Akten fanden wir einen Umschlag mit einer Taschenuhr, die bei einer getöteten Person, vermutlich ein Wehrmachtssoldat, auf dem Vorplatz des Bunkers in der Körnerstraße geborgen wurde. Die Uhr blieb um 20.32 Uhr stehen und konserviert den Zeitpunkt des britischen Luftangriffs sowie den Tod seines Besitzers“, erklärt Dr. Ralf Blank, Historiker und Leiter des Stadtarchivs Hagen. Der unbekannte Soldat gehörte vermutlich zu den Schutzsuchenden, die sich vor dem Hochbunker gedrängt hatten, um noch eingelassen zu werden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Bunkerbereich aufgeräumt und von Trümmern befreit. Dabei wurde am 7. September 1945 der unter Schutt begrabene Soldat entdeckt, in der Tasche die stehengebliebene Uhr mit einem Gehäuse aus Edelstahl. Diese war großer Hitze ausgesetzt – das Deckglas fehlt, die Oberfläche ist korrodiert. Zudem fehlt der Sekundenzeiger. Im oberen Teil ist noch eine Inschrift zu erkennen, die auf die Kienzle Uhrenfabrik AG verweist. Die Uhr stammt aus den 1930er Jahren und besaß ursprünglich ein helles Ziffernblatt mit einem umlaufenden, vergoldeten Ring sowie vergoldeten Zeigern.

Nach der Bergung der unbekannten Person wurde die Taschenuhr in die Vermisstenakte gelegt und blieb vorerst im Bestand des Polizeipräsidiums Hagen im Landesarchiv NRW in Münster. Obwohl die Kriminalpolizei bis in die 1970er Jahre immer wieder zu Anfragen nach vermissten Personen des Luftangriffs ermittelte, konnte die Identität des Soldaten auch anhand der Taschenuhr bis heute nicht geklärt werden. – Die Uhr befindet sich mittlerweile als Dauerleihgabe des Landesarchivs im Besitz der Stadt Hagen und ist ab 2022 im Stadtmuseum Hagen zu sehen.

Einen Monat nach dem britischen Luftangriff eroberten US-Truppen die Stadt und die heute zu Hagen gehörenden Gemeinden. Die Bevölkerung geriet zwischen die Fronten, über 150 Menschen Zivilisten und Soldaten fanden während der Kämpfe um den 15. April 1945 meist durch Artilleriebeschuss den Tod. Im Hagener Stadtgebiet deckten die Alliierten zahlreiche durch die Geheime Staatspolizei in den letzten Kriegswochen begangene Kriegsverbrechen auf.

Kontakt:
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Quelle: WP, 30.7.2021; Der Westen, 3.8.2021; Klartext-Verlag, Publikationshinweis, 2020; Stadt Hagen, Pressemitteilung, 13.7.2021; RTL.de, News und Stories, 5.8.2021

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