Tag der Westfälischen Kirchengeschichte in Freudenberg

Zwei Geburtstage sind es, die den äußeren Anlass dafür bieten, den diesjährigen Tag der Westfälischen Kirchengeschichte in Freudenberg im Siegerland zu begehen. Vor 275 Jahren wurde der Freudenberger Johann Christian Stahlschmidt geboren, und am 12. September desselben Jahres 1740 kam im Siegerländer Örtchen Grund bei Hilchenbach Heinrich Jung zur Welt, der später als Jung-Stilling berühmt werden sollte. Beide Persönlichkeiten sollen auf der Tagung am 11. und 12. September 2015 in den Blick kommen.

Tag der Westfälischen Kirchengeschichte, Abb. Ijewski/VWKG

Am Freitag berichtet Pastor Thomas Ijewski im Freudenberger
Tillmann-Siebel-Haus mit zahlreichen Fotos über Stahlschmidt, der mit 19 Jahren aus dem Freudenberger Elternhaus floh, in Amsterdam auf einem Segelschiff der Vereinigten Ostindien-Kompanie anheuerte und nach Südostasien, Indien und China reiste. Später lebte er als Prediger in Nordamerika. Zwischenzeitlich knüpfte er enge Kontakte zu dem Liederdichter Gerhard Tersteegen, baute Webstühle und Globen und gründete mit anderen die Elberfelder Missionsgesellschaft

Danach referiert der Theologe und Kirchenhistoriker Dr. Ulf Lückel aus Marburg über die Wittgensteiner Pietisten und ihre Verbindungen nach Halle (Saale) und nach Herrnhut im 18. Jahrhundert. Der Wittgensteiner Pietismus wurde in seiner zweiten Phase in der Berleburger Grafschaft unter der Regierung des Grafen Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1687–1741) erheblich von Halle aus inspiriert. Seit den 1730er Jahren trat die Herrnhuter Brüdergemeine mit ihrem Begründer Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) in Wittgenstein auf und etablierte hier für eine kurze Phase eine ihrer Diasporagemeinden.

Sodann besteht die Möglichkeit, eine Ausstellung im Freudenberger Stadtmuseum 4FACHWERK zu besuchen. Unter dem Titel „Unser Volk betet wieder, … wenigstens am Anfang des Krieges“ werden mannigfache Einblicke in die Kirchenkreise Siegen und Wittgenstein im Ersten Weltkrieg geboten.

Am Abend hält Prof. Dr. Wolf Friedrich Schäufele, Kirchengeschichtler an der Universität Marburg, den Hauptvortrag in der Ev. Kirche Freudenberg. Er wird das Leben von Johann Heinrich Jung-Stilling zwischen Aufklärung und Erweckung beleuchten. Als junger Mann verdingte sich Jung-Stilling einige Jahre mit mäßigem Erfolg als Hauslehrer und arbeitete als Kaufmannsgehilfe. In Straßburg begegnete er Goethe, der sein schriftstellerisches Talent erkannte und für die Veröffentlichung der Autobiographie Jung-Stillings sorgte. Als Augenarzt kurierte Jung-Stilling rund 3.000 Patienten und lehrte später als Professor für Wirtschaftswissenschaften in Heidelberg und Marburg. Als Berater des badischen Kurfürsten Karl-Friedrich hatte er auch Verbindungen zum russischen Zaren Alexander I.

Nach einer Andacht mit Superintendent Peter-Thomas Stuberg wird am Samstagmorgen Prof. Dr. Christian Peters aus Münster Ludwig Friedrich Graf zu Castell-Remlingen (1707–1772) vorstellen. Dieser Verwandte von Zinzendorf erweckte 1737 Solingen und Elberfeld und wurde später zum Objekt westfälisch-pietistischer Gegenspionage.

Im Anschluss daran gibt Archivdirektor Dr. Johannes Burkardt aus Münster Einblicke in die Entstehung des Jung-Stilling-Denkmals in Hilchenbach. Vor der Kirche, an prominenter Stelle auf dem Marktplatz steht dort ein imposantes Denkmal, das 1871 nach jahrzehntelangen, deutschlandweiten Bemühungen der Anhänger Stillings zur Erinnerung an den berühmten Sohn der Stadt errichtet wurde.

Nach dem Mittagessen schließt sich eine Exkursion an: Zunächst wird das Vereinshaus in Freudenberg-Mausbach besichtigt, dann geht es nach Hilchenbach, wo das Jung-Stilling-Denkmal in Augenschein genommen werden kann. Sodann führt die Exkursion nach Grund, also zum Geburtsort Jung-Stillings. Auch wenn dessen
Geburtshaus leider abgebrannt ist, gibt es in dem auf den Grundmauern errichteten Neubau ein kleines Museum mit manchen Erinnerungsstücken, die fachkundig erläutert werden.

An der Tagung, die vom Verein für Westfälische Kirchengeschichte vorbereitet worden ist, können Interessierte ohne Anmeldung teilnehmen. Auch der Besuch von einzelnen Veranstaltungen ist problemlos möglich.

Die Fachwerkstadt Freudenberg mit der 1606 gebauten Evangelischen Kirche ist in diesem Jahr Tagungsort für den Verein für Westfälische Kirchengeschichte. Interessierte sind zu den verschiedenen Vorträgen und zur Exkursion eingeladen, der Eintritt ist frei.

Link: Programm

Foto-Repro: T. Ijewski

Unzucht, knabbernde Untote und besondere Instrumente

„Zauberei!“ – „Wer? Wo?“ – „Cordt Wageners Frau!“ – „Wirklich?!“ – „Aber ja!“ Aber nein! Wie sich vor Gericht herausstellte. Die Anschuldigungen Johann Eickhoffs waren aus der Luft gegriffen: Verleumdung im Jahre 1612. Die Gerichtsbarkeit fackelte dann auch nicht lang und verurteilte Eickhoff zu einer Strafzahlung von 3 Mark.

Unzucht, knabbernde Untote und besondere Instrumente

Es wurde im damals noch recht beschaulichen Amt Hatzburg geraubt und geschlagen, beleidigt und Ehebruch begangen. Aufschluss über die (Un-)Taten im 17. Jahrhundert geben die so genannten „Brüchegeld-Register“, in denen penibel Fakten aufgelistet wurden. Bemerkenswert, besonders im Vergleich zu heute: Körperverletzungen, für die man dieser Tage ins Gefängnis kommen kann, wurden mit nur wenigen Mark Geldstrafe belegt. Bei Ehebruch oder voreheliche Schwangerschaften dagegen, also Vorkommnisse, die mittlerweile geradezu alltäglich sind, mussten die Übeltäter viel tiefer in den Geldbeutel langen. Das bis zu 20-Fache der Buße für eine „einfache“ Beleidigung war dann fällig.

Und die höchste ausgesprochene Strafe in der Zeit? „Das war ein besonders makabrer Fall aus dem Jahr 1604“, weiß Lukas Stahn, Geschichtsstudent an der Uni Hamburg und im Frühjahr 2015 Praktikant im Stadtarchiv Wedel, zu berichten. „Marius Dreyer grub auf dem Friedhof Leichen aus – mit der bizarren Begründung, die Toten würden an den Leinentüchern, in die sie eingewickelt waren, ‚nagen‘. Stolze 412 Mark und 8 Schilling kostete Dreyer das – ein Vermögen in der damaligen Zeit.“

Die Register, deren Originale im Landesarchiv in Schleswig liegen, wurden durch die Wedeler Stadtarchivarin Anke Rannegger transkribiert, also in gut lesbare Schrift übertragen. Im Rahmen seines Praktikums versah Stahn die Abschriften mit Erklärungen und einer Einführung.

Nicht alle Fälle sind so makaber wie der des Herrn Dreyer. Sehr unterhaltsam liest sich beispielsweise die Schilderung der Tat eines gewissen Lorenz Tidemann: 20 Mark musste er dafür bezahlen, dass er „gute Leute“ beleidigt und vor deren Augen sein „Instrument“ aus der Hose gezogen und vorgezeigt hatte.

Link:
Unzucht, knabbernde Untote und besondere Instrumente. Hatzburger Brüchegeld-Register 1603-1617
herausgegeben vom Stadtarchiv Wedel, Anke Rannegger, Lukas Stahn – Juni 2015

Kontakt:
Stadtarchiv Wedel
Anke Rannegger
Telefon: 04103 707 215
Fax: 04103 707 88 215
A.Rannegger@stadt.wedel.de

Quelle: Stadt Wedel, Quellensammlung des Stadtarchivs

Stadtarchivar von Goch ans Standesamt versetzt

Der Stadtarchivar der niederrheinischen Stadt Goch, Hans-Joachim Koepp (56), wird, einem Bericht der Rheinischen Post zufolge, zum 1.5.2015 leitender Standesbeamter der Stadt Goch. Der auch für das Stadtarchiv zuständige Fachbereichsleiter Bildung und Kultur der Stadt Goch, Stephan Mann, erklärte die Entscheidung von Bürgermeister Karl-Heinz Otto (CDU) mit dem „enormen Spardiktat“, unter dem die Stadt stehe.

In Goch kursierte offenbar schon seit einiger Zeit der Plan, Hansi Koepp das Stadtarchiv wegzunehmen, dies, obwohl seine Verdienste und sein Einsatz von seinen Vorgesetzten stets gewürdigt wurden. Zahlreiche Publikationen, darunter die sechsteilige Reihe „Kirche, Kelten und Kartoffelpüree“ haben das Stadtarchiv Goch im Bewusststein der Bürger und die Stadt über ihre Grenzen hinaus bekannt gemacht.

Mit der Versetzung von Hans-Joachim Koepp, der als Diplom-Verwaltungswirt seit vierzig Jahren bei der Stadt Goch und seit dreißig Jahren im Stadtarchiv tätig war, nimmt die Stadt bewusst einen Bruch in ihrer Archivarbeit in Kauf. Die Reaktionen auf die Entscheidung sind entsprechend ablehnend, wie RP Online dokumentiert. So hält Alt-Bürgermeister und Heimatvereins-Vorsitzender Willi Vaegs die Entwicklung für „ein großes Trauerspiel“.

Im Stadtarchiv Goch wird die bisherige Mitarbeiterin der Stadtbücherei, Judith Schouten (28), Hans-Joachim Koepp ab dem 1. Mai ersetzen. Sie ist Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste und wird in der kommenden Zeit für ihre neuen Aufgaben geschult.

Judith Schouten folgt im Stadtarchiv Goch auf Hans-Joachim Koepp (Foto: Stadt Goch)

Das Gocher Stadtarchiv hatte mit seinem Umzug an die Steinstraße 1986 mit Hans-Joachim Koepp seinen ersten hauptamtlichen Leiter erhalten. 2002 erfolgte der vorübergehende Auszug des Stadtarchivs aus dem Rathaus. Der alte Gebäudetrakt wurde abgebrochen und das Rathaus mit einem Neubau an dieser Stelle erweitert. Das Stadtarchiv zog in die Reichswaldkaserne, musste 2005 wegen der Auflösung der Kaserne erneut umziehen. 2006 erfolgte der Einzug des Stadtarchivs in das neue Rathaus. Das Magazin befindet sich hier im Erdgeschoss unterhalb des Sitzungssaales. Es enthält jeweils eine Kompaktanlage für das Zwischenarchiv und das historische Archiv. Das Büro befindet sich in der 3. Etage des Neubaus.p>

Jahrelang benutzten alljährlich über 1.000 Menschen das Archiv. Die häufigsten Besucher des Archivs sind die Heimatforscher, Ahnenforscher und Schüler, die die umfangreiche landeskundliche Bibliothek, den Zeitungs- und Fotobestand sowie die Akten, Sammlungen, Nachlässe und Schenkungen nutzen. Auf der städtischen Webseite wird der bisherige Service des Stadtarchivs beworben: „Jeder Einwohner hat ein Recht auf Nutzung der nicht mehr unter Datenschutz stehenden Bestände und sollte sich auch nicht scheuen, von diesem Gebrauch zu machen und sich im Archiv zwanglos umzusehen. In speziellen Fragen ist häufig eine umfangreiche Beratung durch den Archivar erforderlich.“

Kontakt:
Stadtarchiv Goch
Markt 2
47574 Goch
Telefon: +49 2823 320-102
Telefax: +49 2823 320-702
Hans-Joachim.Koepp@Goch.de

Quelle: Stadt Goch, Pressemitteilung und Foto, 14.4.2015; Michael Baers, RP Online, 15.4.2015; Geschichte des Stadtarchivs Goch (Stadt Goch, Abruf 15.4.2015).

Die evangelische Kirche der Pfalz und der Erste Weltkrieg (1914-1928)

Das Zentralarchiv Speyer zeigt vom 9. September 2014 bis zum 14. April 2015 in der Ausstellung „Die Evangelische Kirche der Pfalz und der Erste Weltkrieg (1914-1928)“ Dokumente und Objekte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges bis zum Ende der 1920er Jahre. Es werden folgende Themen behandelt: Kirche und Staat; Kriegseinwirkungen im Pfarramt; Beschlagnahme von Glocken; Kriegskrankenpflege; Seelsorge und Predigt; Bibel und Gesangbuch als Begleiter in Krisenzeiten; Erbauungsschriften; Propaganda auf Postkarten und Plakaten; Briefe in die Heimat; Kriegskonfirmation; Kriegschroniken; Trauer und Erinnerungskultur. Ein Sortiment von drei faksimilierten Feldpostkarten mit religiösem Bezug wird im Rahmen der Archivausstellung herausgegeben.

Im Ersten Weltkrieg gingen Christentum und Nationalismus eine enge Verbindung ein. Nicht allein im Deutschen Reich, sondern in allen kriegführenden Staaten nahm der Krieg phasenweise den Charakter eines Kreuzzuges an. Am augenfälligsten trat dieses Phänomen in der politischen Propaganda hervor, die sich wiederholt in christlichem Gewande präsentierte. Aber auch die Volkskirchen trugen den Kurs mit. Gerade die evangelischen Kirchen in Deutschland unterstützten den protestantischen Staat in der Regel vorbehaltlos im Kriege.

Abb.: Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg 'Gott mit uns wie er mit unsern Vätern war'

Abb.: Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg „Gott mit uns wie er mit unsern Vätern war“

Im gesamtgesellschaftlichen Rahmen eines entfesselten Nationalismus richteten sich an die Religion vielfältige Erwartungen und Sehnsüchte. Nur zu gerne bediente sich der Staat der Religion zur Überhöhung des Krieges. Auf Seiten der Kirche verstand man den Krieg vielerorts als göttliche Prüfung einer dem Materialismus verfallenen Zeit. Daraus entwickelte man den Gedanken, der Krieg könne eine innere Reinigung und eine Wiederbelebung der Volkskirche herbeiführen.

Äußerungen führender Kirchenvertreter muten heute befremdlich an. Unter den Händen der evangelischen und auch der katholische Kirche formte sich die Botschaft des Evangeliums um und glich sich geschmeidig den Zeitbedingungen an. Die Ausstellung beleuchtet am Beispiel der Pfälzischen Kirche das Thema unter verschiedenen Gesichtspunkten. Dabei wird insbesondere die enge Verfl echtung der Staatskirche mit der Kriegsverwaltung deutlich.

Hinter allem steht die grundlegende Frage, ob der Glaube nicht in einem Spannungsverhältnis zur Welt verbleiben muss, wenn die christliche Lehre für die Welt fruchtbar werden soll. Die Ausstellung möchte Impulse zum Nachdenken geben.
Ergänzt werden die Tafeln durch Unterlagen und Objekte aus den Sammlungen des Zentralarchivs.

Ab September 2014 sind ein Begleitheft und drei nachgedruckte Feldpostkarten erhältlich.

Die Seiten des Zentralarchivs Speyer zur Archivpädagogik mit dem Schwerpunkt Erster Weltkrieg werden laufend erweitert.

Quellen zum Ersten Weltkrieg aus dem Bestand des Zentralarchivs sind zu finden unter:

Inhalte der Ausstellung

  • Kriegsbeginn 1914
  • Gott mit uns – Der gerechte Krieg
  • Die Pfarrer und der Krieg
  • Bibel, Gesangbuch, Broschüren – Begleitung in Krisenzeiten
  • Jugenderziehung und Konfirmation im Krieg
  • Propaganda auf Gemeindeebene
  • Tod und Trauer
  • Kriegskrankenpflege
  • Glockenabgabe 1917
  • Reformationsjubiläum 1917
  • Kampf gegen Kriegszweifel
  • Kriegsende
  • Erinnerungskultur
  • Grabsteine als Zeugen für Kriegsleid

Stationen der Ausstellung

2015 Mai
Zweibrücken, Alexanderskirche

2015 Juni
Ludwigshafen, Apostelkirche

2015 Juli
Kaiserslautern, Kleine Kirche

2015 September
Edenkoben, Museumsspeicher

2015 Oktober
Prot. Kirche Lachen

Kontakt:
Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz
(Protestantische Landeskirche)
Domplatz 6
67346 Speyer
Tel.: 06232/667-182/282
Fax: 06232/667-234
zentralarchiv@evkirchepfalz.de
www.zentralarchiv-speyer.de

Bestände zur Geschichte der »Geistigen Heilung« im Archiv des IGPP

Als private Schenkung hat das wissenschaftliche Archiv des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. in Freiburg i.Br. umfangreiches Material zu dem Geistheiler „John“ erhalten. Der neue Bestand (IGPP-Archiv, 20/24) umfasst über 8500 Zuschriften, die Patienten an den als „John“ bekannten gewordenen Geistigen Heiler Günther E. Schwarz (1895-1983) aus dem oberbayerischen Ort Krün im Zeitraum von 1966 bis 1975 richteten. Schwarz alias ‚John‘ ist in diesen Jahren auch als Buchautor und Verlagsgründer in Erscheinung getreten.

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Abb.: Heiler „John“, im Hintergrund Ordner mit Patientenzuschriften (Foto: IGPP)

Die Unterlagen zum Heiler „John“ ergänzen die verschiedenen anderen Bestände im IGPP-Archiv zum Thema Geistheilung/Unorthodoxe Heilmethoden. Hierunter sind beispielsweise die Sammlungen zu berühmt gewordenen „Wunderheilern“ der Nachkriegszeit wie Bruno Gröning (1906-1959) (siehe Artikel vom 2.8.2006) oder Kurt Trampler (1904-1969) zu zählen, sowie Unterlagen zu dem durch eine Medienkampagne in den 1970er republikweit bekannt gewordenen „Wunderheiler von Schutterwald“, Josef Weber (1945-1991).

Diese modernen „Geistheiler“ stießen, wie auch das Beispiel „John“ zeigt, in ihren aktiven Zeiten bei Tausenden von Hilfe- und Ratsuchenden auf Resonanz. Die Beschäftigung mit den Biographien, Wirkungskreisen und medialen Repräsentationen dieser oft schwer einzuordnenden Persönlichkeiten ist mittlerweile verstärkt zum Gegenstand der historischen Forschung geworden. Dabei geht es um eine Ergänzung der Sozialgeschichte der Medizin, die, wie etwa in den Arbeiten der Medizinhistoriker Florian Mildenberger oder Barbara Wolf-Braun, mittlerweile auch deren Grenzgebiete und vermeintliche Schattenzonen in Betracht zieht.

Kontakt:
Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V.
Institutsarchiv
Uwe Schellinger M.A.
Wilhelmstraße 3a
79098 Freiburg i.Br.
0761-20721-61
schellinger@igpp.de
http://www.igpp.de
http://igpp.academia.edu/UweSchellinger

Ausstellung 50 Jahre Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Der Weg der Theologinnen in das Pfarramt war ein weiter – auch in Kurhessen-Waldeck. In einer Ausstellung skizziert das Landeskirchliche Archiv Kassel anhand von Fotos, Quellen, Biogrammen und Erinnerungen früher Theologinnen die schwierigen Bedingungen, unter denen Frauen in der Zeit von 1931/32 bis 1963 als Pfarrhelferinnen, Vikarinnen und Pfarrerinnen ihren Beruf ausüben mussten.

Im Dezember 1961 verabschiedete die Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck nach kontrovers geführter Diskussion ein richtungsweisendes Kirchengesetz über das Amt der Pfarrerin. Es trat vor fünfzig Jahren mit Beginn des Jahres 1962 in Kraft. Erstmals wurden nun Frauen zu Pfarrerinnen ordiniert und konnten ein Gemeindepfarramt übernehmen. Es sollte dann noch zwei Jahrzehnte dauern, bis die volle rechtliche Gleichstellung erreicht war. Die Argumente, die gegen die Ordination von Frauen vorgebracht wurden, waren oft von Vorurteilen geprägt und wurden als verletzend empfunden. Die Entwicklung der letzten dreißig Jahre zeitigt große Veränderungen. Heute ist es selbstverständlich, dass Pfarrerinnen in Gemeinden und Leitungsämtern Verantwortung übernehmen.

Die Schau, die vom Landeskirchlichen Archiv Kassel konzipiert und erstellt und von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck finanziert wurde, besteht aus 20 Tafeln und kann ab April 2012 als Wanderausstellung über das Landeskirchliche Archiv Kassel angefordert werden. Das einfach zu bedienende Ausstellungsequipment wird zusammen mit den Tafeln kostenfrei zur Verfügung gestellt. Ein gut hundertseitiger Katalog ergänzt die Schau.

Info:
Bettina Wischhöfer, Pfarrhelferin, Vikarin, Pfarrerin – Theologinnen in Kurhessen-Waldeck, Quellen zur Ausstellung des Landeskirchlichen Archiv Kassel „50 Jahre Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck“ (Schriften und Medien des Landeskirchlichen Archiv Kassel 31), Kassel 2012, 8,- €, 106 Seiten
Zu beziehen über: archiv@ekkw.de

Beworben wird die Wanderausstellung mit einer Postkarte, die auch einen QR-Code enthält. Wird dieser eingescannt, landet man direkt auf der Website des Archivs bei weiteren Infos zu dieser und den anderen Wanderausstellungen des Landeskirchlichen Archivs.

Aufbau der Ausstellung

Tafel 1: 50 Jahre Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
Tafel 2: Zeitleiste
Tafel 3: Weibliche Hilfskräfte für den Gemeindedienst
Tafel 4: Vertretungsarbeit im Pfarrdienst
Tafel 5: Ein „Amt sui generis“
Tafel 6: “Vikarinnen-Probleme”
Tafel 7: “Das weiße Krägelchen”
Tafel 8: Das Amt der Pfarrerin
Tafel 9: Fortschritte
Tafel 10: Gleichstellung?
Tafel 11: Die Amtstracht der Pfarrerin
Tafel 12: Vorurteile 1
Tafel 13: Vorurteile 2
Tafel 14: Entwicklung
Tafel 15: Katharina Staritz
Tafel 16: Claudia Bader
Tafel 17: Elisabeth Specht
Tafel 18: Dietgard Meyer
Tafel 19: Elisabeth Siltz
Tafel 20: Renate Ziegler

Buchung:
Landeskirchliches Archiv Kassel
archiv@ekkw.de
Tel.: 0561 / 78876-0

http://www.archiv-ekkw.de/

Olympia 1936 – Deutsches Rundfunkarchiv veröffentlicht unbekannte Original-Radioreportagen und Bilder

Die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und insbesondere die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin zählen zu den großen Medienereignissen des 20. Jahrhunderts. In bis dahin unbekanntem Ausmaß bemühte sich die NS-Diktatur um die mediale Inszenierung und Verbreitung der olympischen Ereignisse. Von zentraler Bedeutung war hierbei der zum Massenmedium gereifte Rundfunk, der im propagandistischen Konzept der NS-Führung von jeher eine hervorgehobene Stellung eingenommen hatte. Das durch perfekte Organisation und Gastfreundschaft suggerierte Bild eines friedfertigen und leistungsfähigen nationalsozialistischen Deutschlands sollte durch die weltweite Übertragung der Olympischen Spiele möglichst weitläufig transportiert werden und so den Ruf des nationalsozialistischen Regimes verbessern. In der Realität wurde dieses Bild durch eine unvermindert aggressive Außenpolitik Hitlers (Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland am 7. März 1936, kurz nach Ende der Winterspiele) und teilweise sogar verschärfte Repressionen gegen politische Gegner und ethnische Minderheiten im Vorfeld und auch während der Olympiade konterkariert – selbst mit dem Bau eines Konzentrationslagers, des KZ Sachsenhausen, wurde im unmittelbaren Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Berlin begonnen.

Die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv hat in einem umfangreichen Internetangebot teilweise unbekannte Radioreportagen und Bilder zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und Garmisch-Partenkirchen veröffentlicht (http://1936.dra.de). Dabei bekommt der Besucher nicht nur einen Eindruck von den sportlichen Ereignissen der erstmals weltweit im Rundfunk übertragenen Olympischen Spiele, sondern auch von der propagandistischen Instrumentalisierung der Wettkämpfe durch das NS-Regime.

Anlass für die Erstellung des Angebots mit dem Titel „Die Olympischen Spiele 1936 im NS-Rundfunk – Eine rundfunkhistorische Dokumentation“ ist der bevorstehende 75. Jahrestag der Olympischen Sommerspiele am 1. August 2011. Neben zahlreichen Bildern und Tönen, die größtenteils aus dem Bestand der ehemaligen „Reichs-Rundfunk-Gesellschaft“ stammen, werden eine Vielzahl weiterer Informationen zur Rolle und Arbeit des Rundfunks während der Olympischen Spiele 1936 vorgestellt:

  • ausführliche Artikel erläutern die immensen organisatorischen, personellen und technischen Aufwände des NS-Rundfunks;
  • Besonders der Bildbestand eröffnet eine interessante, wenig bekannte Perspektive, da er nicht die olympischen Wettkämpfe und Sportler dokumentiert, sondern die Arbeit des Rundfunkpersonals: Reporter bei der Live-Berichterstattung oder bei Interviews mit Olympioniken, Rundfunktechniker bei der Schallplattenaufzeichnung, Grafiken der Mikrofonstandorte an den Sportstätten und vieles mehr;
  • Bei den Tondokumenten handelt es sich in erster Linie um Rundfunkreportagen von den olympischen Wettkämpfen. Eine Vielzahl der Aufnahmen werden erstmals veröffentlicht, dies gilt vor allem für die Berichte von den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen, siehe Hörzitate (http://1936.dra.de/index.php?id=17) bzw. Wettkampfreportagen Winterspiele (http://1936.dra.de/index.php?id=118) und Sommerspiele (http://1936.dra.de/index.php?id=119). Erläuterungen zu den Live-Reportagen und zu Tondokumenten aus dem Rahmenprogramm der Olympischen Spiele (z.B. Fackel-Staffellauf) geben interessante Hintergrundinformationen;
  • eine Übersicht aller nachweislich gemeldeten Rundfunkreporter, teils ergänzt durch Kurzbiografien, dokumentiert den Umfang der internationalen Berichterstattung;
  • weitere Artikel beleuchten verschiedene Facetten der Olympischen Spiele von 1936 aus rundfunkspezifischer Perspektive.

Mit dem Internet-Angebot „Die Olympischen Spiele 1936 im NS-Rundfunk“ bietet das DRA der interessierten Öffentlichkeit, Kultur, aber auch Wissenschaft und Forschung einen multimedialen Einblick zu einem größtenteils noch unerforschten Aspekt der Olympischen Spiele von 1936.

Kontakt:
Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv
Standort Frankfurt
Bertramstraße 8
D-60320 Frankfurt am Main
Tel.: (069) 156 87 – 0
Fax: (069) 156 87 – 100
infoservice@dra.de
www.dra.de

Geschichte des österreichischen Lagers Glasenbach aufgearbeitet

„Das Buch über das ‘Lager Glasenbach‘ ist ein weiterer Baustein in der Aufarbeitung der Geschichte. Es schließt eine Lücke in der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung der NS-Zeit.“ Das betonte Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstaller heute, Dienstag, 14. Juli 2009, bei einem Informationsgespräch mit der Ersten Präsidentin des Oberösterreichischen Landtages, Angela Orthner, anlässlich der Präsentation des Buches „Camp Marcus W. Orr Glasenbach als Internierungslager nach 1945“ von Dr. Oskar Dohle und Mag. Peter Eigelsberger im Salzburger Landesarchiv. Landeshauptfrau Burgstaller formulierte ein klares Bekenntnis zur Aufarbeitung der Geschichte. Dies sei auch Antrieb des gemeinsamen Projekts des Salzburger und des Oberösterreichischen Landesarchivs gewesen. „Der zentrale Punkt ist die Öffentlichkeit und die Aufarbeitung der Geschehnisse“, so Burgstaller. Bis in die späten 1980er Jahre habe es in Österreich keine tiefgreifende öffentliche Auseinandersetzung über die Zeit des Nationalsozialismus gegeben, diese sei bedauerlicher Weise erst spät in Gang gekommen. Das sei mit ein Grund, warum Forschungsvorhaben wie etwa das vorliegende Buchprojekt erst im 21. Jahrhundert vorgelegt werden. „Es ist aber nicht zu spät, zu fragen, zu forschen und zu erinnern“, betonte Landeshauptfrau Burgstaller.

„Die Geschichte ist nicht teilbar und kann vor allem nicht verstanden werden, wenn man sie nicht als Ganzes annimmt. Die Jahre von 1938 bis 1945 stehen für einen Zeitraum, in dem unser Land schwerer geprüft wurde als jemals zuvor in seiner Geschichte. Auf den 12. März 1938 folgten Jahre des NS-Terrors und ab September 1939 des Krieges“, sagte Oberösterreichs Landtagspräsidentin Angela Orthner. „Diese Jahre stehen für die beispiellosen Verbrechen des Nationalsozialismus und für den blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte. Oberösterreicher waren Opfer, Oberösterreicher waren Täter, Oberösterreich war Tatort. Uns ist bewusst, dass auch Oberösterreicher Teil der NS-Verbrechensmaschinerie waren, zu Mittätern wurden und Schuld auf sich geladen haben.“ Diese Schuld nehme uns Lebenden noch heute in Haftung.

„Das Leid, das der Nationalsozialismus über dieses Land gebracht hat, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Dennoch müssen Zahlen an dieser Stelle genannt werden, um die Dimension der Verbrechen zu verdeutlichen“, betonte Orthner. 200.000 Menschen wurden im Konzentrationslager Mauthausen und in seinen Nebenlagern gequält, mehr als die Hälfte davon ermordet. 30.000 weiteren Menschen wurde der Wert ihres Lebens abgesprochen, sie wurden in Hartheim ermordet. 40.000 Oberösterreicher fielen in Hitlers Angriffskrieg. Mehr als 3.000 am Krieg völlig unbeteiligte Zivilpersonen starben bei Bombenangriffen.

„Oberösterreich ist ein Land, das die dunkelsten Kapitel seiner Geschichte annimmt, wie sie wirklich waren. Wir bekennen uns zu unserer Verantwortung vor der Geschichte“, so Präsidentin Orthner. „Es gehört zu den vordringlichsten Aufgaben in unserem Land, das Wissen darüber zu vermitteln und das Bewusstsein für das ganze Ausmaß der geschichtlichen Last wach zu halten. Insbesondere müssen wir daran erinnern, dass hinter den Verbrechen der damaligen Zeit ein Ungeist stand; ein Ungeist, der die Verhöhnung und Zerstörung aller sichtlichen Normen vorsah, der systematisch Unmenschlichkeit nicht nur zuließ, sondern sogar förderte, ein Ungeist, der so allgegenwärtig war, wie die Diktatur totalitär. Das dürfen und wollen wir niemals vergessen.“ Landtagspräsidentin Orthner formulierte folgende Aufträge:

  • Kein schlampiger Umgang mit der Geschichte. Auch deren dunkelste Kapitel müssen in unser aller Bewusstsein bleiben, aufgeschlagen und aufgearbeitet werden.
  • Auch in einer Demokratie ist Politik Menschenwerk und damit nie fehlerlos. Dennoch darf es trotz aller Probleme und Unzulänglichkeiten keine Alternative zur Demokratie geben. Wir haben unmissverständlich zu ihr zu stehen.
  • Der politische Dialog darf nie abbrechen. Politik braucht Kultur, eine Kultur des Dialogs und eines vernünftigen Miteinanders trotz des notwendigen politischen Wettbewerbs. Politik braucht Anstand, auch in Zeiten harter politischer Auseinandersetzung.
  • Wir müssen alles tun, damit wir jene ökonomischen Fehlentwicklungen verhindern, die in den 1920er und 1930er Jahren den Aufstieg von Radikalen möglich machten. Die Massenarbeitslosigkeit dieser Zeit war ein fruchtbarer Nährboden für den Nationalsozialismus. Eine Politik, die Radikalen keine Chance geben will, darf sich daher nie mit Arbeitslosigkeit abfinden.
  • Wir dürfen nie wieder ein Regime zulassen, dessen Programm Hass, Intoleranz und Herrenmenschen-Wahn waren. Für den Nationalsozialismus zählte nur der Starke. Wir müssen dem eine Gesellschaft entgegensetzen, die alles tut, dass auch die Schwachen ihre Würde nie verlieren. Nie wieder darf zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden werden.
  • Wir müssen das Vereinte Europa weiterbauen, das dem ganzen Kontinent Frieden, Freiheit, politische Stabilität und starke Demokratie garantiert – ein Europa, in dem die Menschenrechte zum selbstverständlichen Teil der Verfassung gehören, in dem Fremdenhass und Rassismus keinen Platz haben und in dem nie mehr Menschen ihre Würde abgesprochen wird, weil sie anderen Religionen, Weltanschauungen oder Gesinnungsgemeinschaften angehören.

Das Land Oberösterreich habe in den vergangenen Jahren intensiv an der Aufarbeitung seiner jüngeren Geschichte gearbeitet und dabei auch die dunklen Kapitel der Vergangenheit nicht ausgespart, berichtete Landtagspräsidentin Orthner. So wurden durch das Landesarchiv außer dem Buch über das „Lager Glasenbach“ verschiedene Projekte durchgeführt. „Die Tatsache, dass rund zwei Jahre lang am Stadtrand von Salzburg ein Lager für tausende ehemalige Nationalsozialisten bestand, fand bislang kaum Niederschlag in der wissenschaftlichen Literatur. Von einigen wenigen Aufsätzen abgesehen, widmeten sich nur die gedruckten Erinnerungen ehemaliger Internierter von Camp Marcus W. Orr diesem Thema“, berichtete Dr. Oskar Dohle vom Landesarchiv, gemeinsam mit Mag. Peter Eigelsberger, Autor des Werkes. Selbst die genaue Situierung dieses Internierungslagers blieb in vielen Darstellungen unklar, denn entgegen einem bis heute weit verbreiteten Irrtum befand es sich nicht in Glasenbach (Gemeinde Elsbethen), sondern im Süden der Landeshauptstadt Salzburg, zwischen Alpenstraße und Salzach, im Bereich der heutigen Alpensiedlung, ungefähr zwischen Hans-Webersdorfer-Straße und Ginzkeyplatz.

In diesem Lager unter US-Verwaltung waren von Sommer 1945 bis zu seiner Übergabe an die österreichische Bundesregierung am 5. August 1947 tausende österreichische Nationalsozialisten und Sympathisanten des NS-Regimes (Höchststand im Januar 1947: 8.051) interniert. Bis Januar 1948 wurden dort auf einem Teil des Lagerareals von der US-Armee noch Nationalsozialisten, die während der NS-Zeit schwere strafrechtlich relevante Verbrechen begangen hatten, bei denen aus begründetem Verdacht noch weitere Untersuchungen liefen oder die an ausländische Gerichte ausgeliefert werden sollten, inhaftiert.

„Überlegungen, zu diesem Thema eine grundlegende Publikation zu erstellen, sind im Salzburger Landesarchiv seit Jahren vorhanden“, so Dr. Dohle weiter. Als im Oberösterreichischen Landesarchiv ein ähnliches Forschungsvorhaben bezüglich „Camp Marcus W. Orr“ begonnen wurde, entschlossen sich die beiden Landesarchive zu einem Gemeinschaftsprojekt. Die Forschungen stützten sich dabei zum Großteil auf die Schriftstücke der Landesverwaltungen von Salzburg und Oberösterreich sowie in geringerem Umfang auf Unterlagen österreichischer Bundesstellen, da fast keine schriftliche Überlieferung von US-Behörden zur Verfügung stand. Zusätzlich wurde versucht, durch Zeitzeugen-Befragungen und die Auswertung privater Aufzeichnungen Informationen über die Lebensbedingungen und den Alltag im „Lager Glasenbach“ zu erhalten. Es gelang, neben ehemaligen Lagerinsassen auch einen pensionierten österreichischen Gendarmen, der 1947 zur Bewachung des Lagers eingeteilt war, zu befragen.

Bei den Recherchen wurden in beiden Archiven hunderte Archivkartons durchgesehen, weil es einerseits zum „Camp Marcus W. Orr“ keine geschlossenen Archivbestände gibt, andererseits viele Abteilungen der Landesverwaltungen in den Jahren 1945 bis 1947 mit diesem Thema befasst waren. Diese aufwändigen Recherchen brachten zum Teil spektakuläre Funde, wie etwa einen amerikanischen Lagerplan im Maßstab 1:1.000. Er war eine vielfach unentbehrliche Unterstützung und „Erinnerungshilfe“ bei der Befragung von Zeitzeugen.

Erstmals standen den Historikern die bisher nicht zugänglichen Akten der Sicherheitsdirektion zur Verfügung. Der Schriftverkehr und die Lageberichte dieser Behörde sind für den Zeitraum ab November 1946 erhalten und lieferten viele neue Details, vor allem über die Spätphase des Lagers. In Oberösterreich brachte die Auswertung der Akten des Volksgerichtes Linz, vor dem sich „belastete“ Nationalsozialisten bis 1955 zu verantworten hatten, neue Erkenntnisse vor allem zum Umgang österreichischer Behörden mit dieser Personengruppe. Den beiden Autoren wurde erstmals aus dem Archiv des Internationalen Roten Kreuzes in Genf der schriftliche Bericht über den Besuch einer Rot-Kreuz-Delegation im „Camp Marcus W. Orr“ (Ende August bis Anfang September 1946) zur Verfügung gestellt. Diese überaus detaillierten Aufzeichnungen rundeten die Erkenntnisse zu den Lebensbedingungen im Lager ab.

Ein Schwerpunkt der Untersuchungen lag neben der Einbindung von Zeitzeugenberichten auf der Darstellung der Ernährungssituation sowie der hygienischen Bedingungen im Lager. Eingehend wurden die wöchentlichen „Hygiene-Berichte“, die „Medizinischen Wochenberichte“ sowie die Protokolle der „Compoundärztebesprechungen“ einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Lagerspital, wo prominente inhaftierte Ärzte eine medizinische Versorgung auf höchstem Niveau sicherstellten und auch erfolgreich chirurgische Eingriffe vornahmen. Die Geräteausstattung in diesem Hospital war durchaus mit jener in öffentlichen Krankenhäusern vergleichbar – in manchen Bereichen wahrscheinlich sogar besser.

Eine möglichst umfassende Untersuchung der Geschichte des Lagers Glasenbach gehört zweifellos seit Jahren zu den Desideraten der Geschichte der Nachkriegszeit in Österreich. Die Gründe für diese Lücke in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung sind einerseits die unübersichtliche Quellenlage in den verschiedenen Archiven im In- und Ausland, andererseits setzte bei vielen ehemaligen „Glasenbachern“ erst jetzt die Bereitschaft ein, über dieses Kapitel in ihrem Leben mit Historikern zu sprechen. Die vorliegende Publikation kann daher als „Buch der letzten Chance“ bezeichnet werden, denn in vielen Fällen war es die unwiderruflich letzte Möglichkeit, mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus „Camp Marcus W. Orr“ Interviews zu führen. Ihre ganz persönlichen Erinnerungen stellen eine wichtige Ergänzung der vorhandenen archivalischen Quellen dar und tragen wesentlich zum Verständnis vieler Aspekte der Lebens- und Haftbedingungen bei.

Mit diesem Buch soll ein Beitrag zur Aufarbeitung dieses Kapitels der österreichischen Nachkriegsgeschichte geleistet werden. Gleichzeitig kann es Fundament und Ausgangspunkt für eine weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema bilden. Das Buch „Camp Marcus W. Orr Glasenbach als Internierungslager nach 1945“ von Oskar Dohle und Peter Eigelsberger kann zum Preis von 26 Euro beim Salzburger Landesarchiv oder beim Oberösterreichischen Landesarchiv bestellt werden.

Kontakt:
Salzburger Landesarchiv
Michael-Pacher-Str. 40
A-5020 Salzburg
Tel.: 0662 / 8042 – 4521 oder – 4527
Fax: 0662 / 8042 – 4661
landesarchiv@salzburg.gv.at

Oberösterreichisches Landesarchiv
Anzengruberstraße 19
4020 Linz,
Tel.: +43 732 / 7720 – 146 01
Fax: +43 732 / 7720 – 146 19
landesarchiv@ooe.gv.at

Quelle: Salzburger Landeskorrespondenz, 14.7.2009

Sammlung Friedel Kloos für das Stadtarchiv Limburg

Das Stadtarchiv Limburg an der Lahn ist um einen wertvollen Bestand reicher: Maria Kloos übergab die von ihrem verstorbenen Ehemann Friedel Kloos (1928-2007) in jahrzehntelanger Arbeit zusammen getragene stadtgeschichtliche Sammlung. Bürgermeister Martin Richard und Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker nahmen die Sammlung mit großer Freude entgegen. Bürgermeister Martin Richard dankte der Witwe von Friedel Kloos für ihren Entschluss, mit dem sie allen über die Stadt Limburg Forschenden einen großen Dienst erwiesen hat. „Die Sammlung sucht ihresgleichen,“ so Martin Richard. Er hob auch die Verdienste hervor, die Maria Kloos sich durch die tatkräftige Unterstützung ihres Mannes bei der Anlage und Erschließung der Sammlung erworben hatte. Dem Dank des Bürgermeisters schloss sich der Stadtarchivar an: „Der Sammlung ist anzumerken, dass Friedel Kloos nicht nur ein Hobby betrieben hatte, sondern mit Leidenschaft bei der Sache war.“ Vor allem mehrere tausend Fotos aus der Zeit des späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart bereichern das Stadtarchiv und ermöglichen nun eine bessere Darstellung Limburger Geschichte als zuvor.

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Abb.: Übergabe der Sammlung im Stadtarchiv: (v.l.n.r.) Bürgermeister Martin Richard, Maria Kloos, Beate Kloos, Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker, Stephan Kloos (Foto: Stadt Limburg)

Der Aufbau der Sammlung begann 1976, als der unfreiwillig zum Frührentner gewordene Friedel Kloos eine sinnvolle Beschäftigung suchte. Er sammelte zunächst alte Ansichten seiner Heimatstadt Limburg. Schnell aber beließ er es nicht nur beim Zusammentragen von Fotos und Postkarten, sondern versuchte auch das Abgebildete einzuordnen, zeitlich wie räumlich. Er wertete zudem intensiv die Limburger Tageszeitungen seit dem 19. Jahrhundert aus. Dies daraus erwachsenen umfangreichen Verzeichnisse der Personen, Gebäude, Ereignisse, Straßen usw. stellte er noch selbst dem Stadtarchiv zur Verfügung, wo sie seitdem ein unverzichtbares Hilfsmittel der täglichen Arbeit sind.

Friedel Kloos verstand sich als „Stadtschreiber“, als Chronist der Ereignisse in seiner Heimatstadt. Davon zeugen zahlreiche Zeitungsartikel aus seiner Feder. Er wurde damit zu einer Auskunftsstelle zur Geschichte Limburgs und erfreute sich nicht zuletzt aufgrund seiner Hilfsbereitschaft großer Anerkennung. Öffentlich gewürdigt wurden seine Verdienste durch die Verleihung der städtischen Ehrenplakette 2003.

Bürgermeister Martin Richard und Stadtarchivar Dr. Waldecker dankten Maria Kloos sowie ihren Kindern Beate Kloos und Stephan Kloos für ihren Entschluss, die Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, damit sie weiter im Sinne von Friedel Kloos genutzt werden kann.

Der Sammelband zum Stadtjubiläum, der im Frühjahr 2010 erscheint, wird zu einem wesentlichen Teil mit Fotos aus dem neuen Bestand illustriert werden. Für Herbst 2010 ist eine weitere Publikation geplant, die aus der Sammlung Friedel Kloos erarbeitet wird.

Genutzt werden können die Sammlung Friedel Kloos und alle Bestände des Stadtarchivs immer mittwochs von 8.30 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung.

Kontakt:
Stadtarchiv Limburg a. d. Lahn
Mühlberg 2 (Schloss)
65549 Limburg a. d. Lahn
Tel.: 06431-932 367
Fax: 06431-584 39 47
www.limburg.de

Quelle: Stadt Limburg, Pressemitteilung 103, 10.7.2009

Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln

In der Kölner Innenstadt ist am 3. März 2009 das Gebäude in der Severinstraße eingestürzt, in dem das Historische Archiv der Stadt Köln untergebracht war. Teilweise eingestürzt sind auch die beiden benachbarten Wohnhäuser. Die Berufsfeuerwehr wurde um 13:58 Uhr benachrichtigt und löste Großalarm aus. Der Einsturz des Historischen Archivs hatte sich durch Geräusche angekündigt, so dass alle Mitarbeiter und zwei mit Dacharbeiten beschäftigte Handwerker das Gebäude rechtzeitig verlassen konnten. Zwei Anwohner verloren beim Einsturz des Archivs ihr Leben, sie konnten erst nach mehreren Tagen aus den Trümmern geborgen werden.

Spendenkonto:
Für die Bergung, Sicherung und Restaurierung von Archivalien des Historischen Archivs der Stadt Köln werden Spenden erbeten auf das Spendenkonto der FREUNDE DES HISTORISCHEN ARCHIVS DER STADT KÖLN E.V. bei der Sparkasse Köln-Bonn, Konto-Nr. 19 00 45 89 59 (BLZ 370 501 98), Stichwort: Rettung Historisches Stadtarchiv

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Abb.: Schuttschichten mit Archivgut (Foto: Stadt Köln).

Seit dem frühen Nachmittag des 3. März waren Kräfte der Berufsfeuerwehr, der Polizei und der Hilfsdienste im Einsatz. Die Suche nach den beiden verschütteten Anwohnern gestaltete sich als schwierig. Der Kölner Feuerwehrchef Stephan Neuhoff erklärte dies mit den einsturzgefährdeten benachbarten Gebäuden des Historischen Archivs. Unter der Unglücksstelle liegt ein Hohlraum, wodurch ein Absacken des Erdbodens zu befürchten ist. Bei dem Hohlraum handelt es sich um ein Gleiswechselbauwerk, das für die U-Bahn erstellt wurde. Zur kompletten Verfüllung des Hohlraums wurde Beton in den Raum gepumpt, ein langwieriger Vorgang. Erst anschließend wurde ein gefahrloseres Betreten der Unglücksstelle möglich. Bevor mit der Suche nach den beiden Opfern begonnen werden konnte, hatten zunächst die Dachreste der Gebäude gesichert werden müssen, ebenso ein umsturzgefährdeter Baukran.

Im Umkreis der Unglücksstelle wurden alle Gebäude evakuiert. Die Bergungsarbeiten im Kölner Severinsviertel gestalten sich aber äußerst kompliziert. Den gesamten Donnerstag benötigten die Helfer, um einen Zugang für jenen Bagger zu legen, der von der Rückseite des Archivs aus den Trümmerberg abtragen soll. Zuvor musste sich das Gefährt Meter für Meter durch den von Schutt übersäten Innenhof graben. An der Unglücksstelle wurde am 5. März ein beschädigtes Nachbarhaus abgetragen. Eine neue Plane sollte den Regen abhalten.

Nach dem Auffinden der beiden Toten konzentrieren sich die Einsatzkräfte jetzt auf die Bergung der Reste der wertvollen Kulturschätze. Zehn Tage nach dem Einsturz suchen sie hauptsächlich in dem U-Bahn-Bauwerk vor dem Archivgrundstück nach Dokumenten. Unter anderem kam mittlerweile die zweite Handschrift des Albertus Magnus zum Vorschein. Jede Fuhre Trümmer, die ein Kran auf einen Lastwagen lädt, wird von Helfern zuvor gesichtet, um auszuschließen, dass sich Akten, Bücher oder andere Dokumente darunter befinden. Ihre Ladung bringen Lkw zu einer eigens angemieteten, 27.000 Quadratmeter großen Lagerhalle nach Porz. Weitere Lagerfläche konnte nach kurzer Suche in der Stadt bereit gestellt werden. Hier wird das Material ein zweites Mal nach Archivalien durchsucht, bevor der Schutt endgültig entsorgt wird. Es besteht Hoffnung, einiges zu retten.

Feuerwehrleute und Kräfte des Technischen Hilfswerks spannten zunächst ein provisorisches Zelt über dem Trümmerberg. Zusätzlich zur Plane soll es die historischen Kostbarkeiten vor dem Regen schützen. Die Feuerwehr baute anschließend auf 50 Metern Länge eine provisorische Dachkonstruktion zum Schutz der Archivalien auf.

Die Stadt Köln bittet um Verständnis, dass aus Sicherheitsgründen derzeit keine privaten Unterstützungsmaßnahmen im Bereich der Baustelle durchgeführt werden können. Angebote von personeller Hilfe durch Archivare und Restauratoren werden zentral organisiert: Archivare richten ihre Hilfsangebote rwwa@koeln.ihk.de, Restauratoren an bert.jacek@fh-koeln.de. Die Hilfsangebote sollten nach Möglichkeit zentral als Dienststellen- oder bei größeren Archiven als Abteilungsmeldung abgegeben werden. Benötigt werden dazu folgende Angaben: Name, Vorname, Dienststelle, Ort, Telefonnummer, Email-Anschrift, Dauer des Einsatzes (Excel-Tabelle).

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Abb.: Mit dieser Darstellung erläuterte der Leiter der Berufsfeuerwehr Köln, Stephan Neuhoff, den Ablauf des Unglücks: Der Boden unter dem Gebäude des Stadtarchivs rutschte in den Bereich des U-Bahn-Bauwerks unter der Severinstraße ab. In den entstandenen Krater rutschte das Archivgebäude. Dem von unten drückenden Grundwasser wird mit tausenden Tonnen Beton entgegen gewirkt (Abb.: Stadt Köln).

Zur Ursache des Unglücks gibt es noch keine abgesicherten Hinweise. Die Untersuchungen laufen. Nach dem bisherigen Kenntnisstand hat ein Erdrutsch in dem Gleiswechselbauwerk unterhalb des Archivs dazu geführt, dass das Gebäude eingestürzt ist. Mitte 2007 entstanden im Historischen Archiv im Zuge des Schildvortriebs im Rahmen der Bauarbeiten für die U-Bahn Risse im Bereich einer Gebäudedehnungsfuge. Es erfolgte eine Begutachtung durch ein unabhängiges Sachverständigenbüro, das Schäden feststellte, aber zu dem Ergebnis kam, diese seien statisch nicht relevant. Es wurde vereinbart, das Schadensbild unter Beobachtung zu halten.

Ein zusätzlich eingeschalteter unabhängiger Statiker kam bei einer Begehung im Dezember 2008 ebenfalls zu dem Ergebnis, dass keine Gefahr für das Gebäude bestehe. Das Ergebnis des Gutachtens: \“Die entstandenen Risse sind unbedenklich. Das Gebäude ist im jetzigen Zustand in statischer Hinsicht ausreichend standsicher. Sicherungsmaßnahmen müssen nicht getroffen werden.\“ Ein unabhängiger Sachverständiger des Büros Zorn resümierte in einer Pressekonferenz der Stadt Köln, dass nach derzeitigem Kenntnisstand die damals begutachteten Schäden nicht ursächlich für das Unglück gewesen sein können.

Kontakt:
Historisches Archiv der Stadt Köln
Severinstr. 222-228
50676 Köln
Telefon: 0221-221-22329
Telefax: 0221-221-22480
HistorischesArchiv@stadt-koeln.de

Quelle: Jürgen Müllenberg, Stadt Köln – Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Pressemitteilung 1, Pressemitteilung 2, 3.3.2009, Pressemitteilung, 8.3.2009, Pressemitteilung, 12.3.2009, Pressemitteilung, 13.3.2009; Thorsten Moeck und Tim Stinauer, Kölner Stadt-Anzeiger, 5.3.2009.